Die Hauptpersonen an der Buchvernissage: Fritz Nyfeler (Aquarelle) und Dora Tona (La Famiglia Tona). · Bild: zvg/© Marcel Marti
Vielfältiges «Jahrbuch Oberaargau 2025»
Eine aufgeräumte Stimmung herrschte an der Vernissage mit der Präsentation des druckfrischen «Jahrbuch Oberaargau 2025». Es ist die 68. Ausgabe seit 1958, die zum vierten Mal in neuer, attraktiver Aufmachung erscheint und spannende Geschichten zu Menschen und Orten im Oberaargau vermittelt – illustriert mit starken Bildern.
Verleger Daniel Gaberell (Riedtwil), der die Geschäftsstelle und Redaktion des Oberaargauer Jahrbuches leitet und betreibt, stellt den 120 Interessierten an der Buchvernissage in der Alten Mühle in Langenthal die meisten Kapitel mit ihren Autorinnen und Autoren vor. Der Facettenreichtum ist verblüffend. Die Buchtaufe wird bereichert durch grossartig vorgetragene und entsprechend applaudierte Lieder der Zäsingers. Der von Manon Camille Nyfeler (Rütschelen) porträtierte zwölfköpfige Chor feierte sein zehnjähriges Bestehen sowie den zweiten Platz am Schweizer Chorwettbewerb in Chur in der Kategorie A1 «Gemischte Chöre». Besonders beeindruckt hat ihr experimentelles Arrangement von «s’Vreneli ab em Guggisberg».
Fotografische Streifzüge im Nebel
Das «Jahrbuch Oberaargau 2025» bietet allerlei Interessantes – textlich und fotografisch. So machte sich Daniel Gaberell frühmorgens auf zu fotografischen Streifzügen im Oberaargau. Der Nebel, unter dem andere leiden mögen, bedeutet für ihn Heimat, Ruhe und Geborgenheit. In Aarwangen, fast an der Aare, aufgewachsen, war er es gewohnt, an nebligen Herbsttagen mit feuchten Haaren in der Schule anzukommen. Silvia Jäger, seit 2022 Geschäftsführerin der Region Oberaargau und damit Nachfolgerin von Stefan Costa, der im Juni 2022 seine Stelle als Regierungsstatthalter antrat, bietet im Interview Einblicke in ihren spannenden Tätigkeitsbereich. Silvia Jäger im Walliser Dialekt: «Es ist zwischenzeitlich wohl überall bekannt, dass ich die Region Oberaargau in mein Herz eingeschlossen habe und mich mit dieser Region total verbunden fühle, auch wenn ich den Berner Dialekt noch nicht beherrsche.»
Das Lebensmittelgeschäft Tona
Der erste Artikel im auch dieses Jahr 144 Seiten umfassenden «Jahrbuch Oberaargau» stammt von Beat Hasler und ist «La famiglia Tona» gewidmet. Friedrich (Federico) Tona und seine Ehefrau Maria Tona-Pagnamenta kamen im Jahr 1898 aus Vernate im Tessin nach Langenthal. Hier eröffneten sie erfolgreich einen einfachen Kiosk. Das Angebot umfasste primär Lebensmittel und Tabakwaren. Der Kiosk war bald bekannt, war gut frequentiert, wurde aber bald zu klein. Tonas sahen sich nach einer Alternative um und fanden an der Thalstrasse (heute Talstrasse) das Passende. Deren Söhne Otto (1910) und Elvezio (1908) arbeiteten im elterlichen Laden mit und übernahmen das Geschäft 1931. Otto Tona erwarb an der Aarwangenstrasse 4 – mitten in Langenthal – das grosse, 1957 erstellte Gebäude, das Tona-Hus, das noch heute so heisst. Grosser Nachbar im Gebäudekomplex war das Kaufhaus Zentrum (später Nordmann und heute Manor). Im «Jahrbuch Oberaargau» erfährt die Leserschaft die interessante Tona-Historie. So auch, dass das stadtbekannte Tona-Hus nach dem Tod von Otto Tona sen. an seinen Sohn Otto Tona jun. ging, der den Lebensmittelladen nicht mehr lange führte, sondern sich mit seiner Immobilienfirma auf die Verwaltung des Hauses konzentrierte und sich zudem einen Namen als Gastronom machte: Dreilinden, Stadthof, Bäregg, Pöstli. 2016 verkaufte Otto Tona jun. das Gebäude an der Aarwangenstrasse 4 an die Swiss Property Partners AG in Baar. Er verstarb am 8. Dezember 2016, womit die Langenthaler Familiengeschichte zu Ende war. An der Jahrbuch-Vernissage anwesend: Dora Tona-Lyrenmann (1947), Witwe von Otto Tona jun.
Die Aquarelle von Fritz Nyfeler
Eine Augenweide sind die auf zwölf Seiten publizierten Aquarelle des Ur-Langenthaler Malers Fritz Nyfeler, der bereits seit Kindesbeinen mit der Welt der Farben und Bilder vertraut ist. Im Malergeschäft, von seinem Grossvater gegründet und von seinem Vater weitergeführt, lernte Fritz Nyfeler die Bauernmalerei kennen. Die Leichtigkeit und Luftigkeit seiner Aquarelle gefällt – der Wiedererkennungswert der Landschaften ist hoch. Das Geheimnisvolle von Licht, Wasser und Spiegelungen an den Bächen, Flüssen und Weihern rund um Langenthal kommt gut an. Für die Präsentation der Bilder erntet der an der Buch-Taufe anwesende Künstler anerkennenden Applaus. «Höchste Eisenbahn in Buchsi», heisst der Artikel von Ruedi Eichenberger und Hans Wyssmann zum Bahnhof Herzogenbuchsee, der sich – wie auch seine Umgebung – zurzeit heftig im Wandel befindet. Der Text erlaubt ein Eintauchen mit Hans Schneeberger (Jahrgang 1934), der hier am Bahnhof während 35 Jahren arbeitete. Ein Beitrag mit gruseligen Fotos widmet sich der Geistervertreibung in Rumisberg, dem Chlausenumzug, bei dem sich seltsame Gestalten durch die Dorfstrasse schlängeln. Ein jahrhundertealter Brauch lebt hier weiter – mystisch, laut und voller Charaktere.
Kunstplatz Amiet, Oschwand
Jürg Rettenmund ist Autor der Geschichte «Kunstplatz Amiet, Oschwand». Die Nachkommen von Cuno und Anna Amiets Adoptivtochter Lydia haben für das Anwesen des Künstlers «ein neues Kapitel geschrieben, das nicht das letzte sein soll». Das Atelier bildet den Kern der interaktiven Wissensvermittlung. In den historischen Originalmöbeln verbirgt sich modernste Museumstechnik vom Feinsten. Der interaktive Zeichentisch ist, so Daniel Thalmann, eine Weltexklusivität. Er und seine Frau Pia – sie erreichen in diesen Jahren das Pensionsalter – sind erleichtert, dass ihr Sohn Marc die Nachfolge sichert. Er werde «neue Kapitel schreiben, die den heutigen und zukünftigen Zeitgeist treffen». Hermann Bürgi aus Wangen an der Aare (1864-1937) brachte es in den USA vom Zimmermann zum Gaswerkdirektor. Er war Schifffahrtsexperte und starb am Ufer seines geliebten Flusses. Der Titel von Andreas Bürgi «Zwischen Lebenslauf und Legendenbildung» lässt zumindest den Verdacht aufkommen, die Diagnose Herzversagen sei nicht gesichert.
Clara, Schwester von Lydia Eymann
Ein Schuh-Tüftler ist der Langenthaler Tobias Schumacher. Autor Beat Hugi liess sich vom 55-Jährigen erklären, was es mit seinen weltweit revolutionären smarten Schuhen und Socken auf sich hat. Staunen ist angesagt. Vom gleichen Autor stammt der Text «Clara, die malende Schwester von Lydia Eymann». Claras künstlerische Begabung als Malerin und Keramikerin wurde im Hause Eymann früh erkannt und entsprechend gefördert. Clara Vogelsang (1892-1984) wuchs im «Bären» in Langenthal auf. Sie stand jedoch weit weniger im Rampenlicht als Kunstkritikerin, Frauenrechtlerin, Schriftstellerin und Umweltaktivistin Lydia Eymann. «Ein Liebesbrief über Sommer und den Aarelauf» liefert unter dem Titel «Fluss, abwäschig» Stadtliteratin und Lydia-Eymann-Stipendiatin Anaïs Clerc. Gleich mehrere Schuhfabriken existierten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Herzogenbuchsee. Herbert Rentsch hat recherchiert und präsentiert unter dem Titel «Das Dorf der Schuhe – eine Buchser Fabrikgeschichte» viel Wissenswertes – dies auch zum damaligen Giganten Schuh Hug.
50 Jahre Chrämerhuus
Andrea Pini und Sandra Antonetti liefern in ihrem Beitrag «50 Jahre Chrämerhuus» auf humorvolle Art Fakten zu diesem Kunsthaus. Martin Moser äussert sich kritisch zur «Bewegung in der Medienwüste». Den Nachruf zu Max Jufer – der Historiker und Ehrenbürger von Langenthal verstarb am 19. Februar 2025 im 103. Lebensjahr – hat Simon Kuert verfasst. Auch Pedro Lenz darf im aktuellen Jahrbuch nicht fehlen. «Die Schule» heisst seine tiefgründige Kolumne. Lesenswert sind auch die Porträts von Marcel Mühlethaler, Hanspeter Habegger, Thomas Aeschbacher, Jeannine und Marcel Burri sowie Daria Zurlinden und Sophie Marending. Zu bestaunen gibt’s zudem historische Bilder. So vom letzten Zug, der den am 29. Mai 1983 endgültig geschlossenen Bahnhof Bützberg verliess, von der im August 2005 nach starken Regenfällen zerstörten Aare-Brücke bei Walliswil und von einem Viehmarkt in Huttwil von 1944 mit ausgebüxtem Vieh und fliehenden Leuten.
Bald ist Wimmelbuch-Vernissage
Erstmals gibt es zum «Jahrbuch Oberaargau 2025» auch ein «Wimmelbuch Oberaargau» – zu erwerben im Doppelpack oder separat. Auf sieben Doppelseiten gestaltet der Burgdorfer Grafiker Tobias Sturm Bekanntes und Beliebtes aus dem Oberaargau. Die Vernissage des Wimmelbuches findet am 15. November, von 10 bis 12 Uhr, im Kunsthaus Langenthal, im Beisein des Künstlers und im Rahmen des Kinderclubs statt. Das Wimmelbuch enthält viele spannende Details zum Lachen, zum Staunen und zum Erzählen.
Von Hans Mathys