• Die Mühle Unterlindenholz – einst Mühle, heute Teil der Hadorn Hofdünger-Technik AG. · Bild: zvg

  • Hadorn Hofdünger-Technik AG. · Bild: Patrick Bachmann

  • Die ehemalige Mühle Oberlindenholz. · Bild: Patrick Bachmann

  • Das Bahnhofsgebäude Lindenholz in den Anfangsjahren (undatiert). · Bild: zvg

  • Das heutige Bahnhofsgebäude von Lindenholz. Der Zug hält hier inzwischen nur noch auf Verlangen. · Bild: Patrick Bachmann

28.08.2026
Oberaargau

Von der Langete und der Eisenbahn geprägt

Ein kleiner Weiler, geprägt von Wasser, Wandel und Menschen: Lindenholz verdankt seine Entwicklung der Kraft der Langete, dem Aufkommen von Gewerbe und der Eisenbahn. Seine Geschichte zeigt, wie sich ein ländlicher Ort über Generationen immer wieder neu an veränderte Zeiten angepasst hat. Vor allem die Familie Leuenberger ist seit Jahrhunderten eng mit dem Weiler verbunden.

Lindenholz · Ein Fluss machte Lindenholz zu einem besonderen Ort: die Langete. Über Jahrhunderte lieferte sie die Kraft für Mühlen und Gewerbe. Später kam die Eisenbahn hinzu und machte aus dem kleinen Weiler einen bedeutenden regionalen Umschlagplatz. Die Geschichte von Lindenholz ist deshalb weit mehr als die Geschichte einer kleinen Siedlung – sie erzählt vom wirtschaftlichen Wandel einer ganzen Region. Die Wurzeln der Besiedlung von Leimiswil, zu dem Lindenholz gehört, reichen weit ins frühe Mittelalter zurück. Die Gemeinde entwickelte sich nie als klassisches Dorf mit einem eigentlichen Zentrum, sondern bestand aus mehreren Weilern und Einzelhöfen. Während andere Ortsteile vor allem landwirtschaftlich geprägt waren, nahm Lindenholz schon früh eine Sonderstellung ein, blieb aber lange auf eine Handvoll Häuser beschränkt: Im ersten Häuserverzeichnis von Lindenholz von 1783 sind ein Hof mit drei Häusern und eine Mühle festgehalten. Die Mühle im Oberlindenholz ist bereits um 1400 urkundlich erwähnt und gehört damit zu den ältesten nachweisbaren Gewerbebetrieben in Leimiswil.

Wirtschaftliches Zentrum
Um 1850 entwickelte sich der Weiler zu einem kleinen wirtschaftlichen Zentrum der damaligen Gemeinde Leimiswil. Zeitgenössische Quellen erwähnen in Lindenholz zwei Mühlen, eine Bäckerei, eine Hammerschmiede, eine Hufschmiede, eine Metzgerei sowie ein Amtsnotariat und die Gemeindeschreiberei – eine bemerkenswerte Konzentration an Arbeitsplätzen für einen kleinen ländlichen Weiler. Auch die Wirtschaft «Löwen», die vermutlich 1844 eröffnet wurde, entwickelte sich zu einem beliebten Treffpunkt. Über Generationen prägte insbesondere die Familie Leuenberger die Entwicklung des Weilers. Gemäss historischen Aufzeichnungen wanderten die Eltern von Joseph und Ulrich Leuenberger Anfang des 17. Jahrhunderts aus Murten nach Leimiswil aus. Joseph übernahm die Mühle in Oberlindenholz und gilt als Stammvater der Lindenholzer Linie der Familie. 1858 kam mit der Mühle in Unterlindenholz eine zweite Getreidemühle hinzu. Eine eidgenössische Erhebung von 1870 nennt beide Mühlen mit insgesamt acht Beschäftigten – ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für den Weiler. Als in den 1880er-Jahren die Bahnlinie Langenthal–Huttwil geplant wurde, gehörte die Familie Leuenberger zu den wichtigsten privaten Investoren.

Die Strasse durch Oberlindenholz
Der Bau der Strasse nach Leimiswil und Thörigen, die Ende 1875 fertiggestellt wurde, war in Lindenholz umstritten. Ober- und Unterlindenholz setzten sich für unterschiedliche Linienführungen ein. Während Jakob Leuenberger von Unterlindenholz einen Beitrag von 3000 Franken für seine Variante anbot, stellte Ulrich Leuenberger von Oberlindenholz das benötigte Land für die heutige Streckenführung weitgehend kostenlos zur Verfügung. Die Gemeinde entschied sich schliesslich für die Linienführung durch Oberlindenholz. Mit dem Aufkommen von Lastwagen verlor der Güterverkehr auf der Schiene mit der Zeit an Bedeutung. Kleinere Handwerksbetriebe verschwanden oder wandelten sich, die Landwirtschaft wurde moderner. Gleichzeitig entstanden neue Gewerbebetriebe, sodass Lindenholz bis heute nicht nur Wohnort, sondern auch Arbeitsort geblieben ist. Ein Wahrzeichen des Weilers ist das nahezu unverändert erhaltene Bahnhofsgebäude aus der Gründerzeit. Ebenso sind die historischen Mühlen und ältere Bauernhäuser Zeugen des damaligen Aufschwungs. Der Weiler, der seit der Gemeindefusion 2011 Teil der Gemeinde Madiswil ist, steht heute vor neuen Herausforderungen: Die Erneuerung des Bahnhofs, die Erhaltung der historischen Bausubstanz und die Weiterentwicklung als attraktiver Wohn- und Arbeitsort werden die nächsten Jahre dominieren. Lindenholz hat sich immer wieder neu erfunden. Zuerst war es die Wasserkraft der Langete, welche den Ort wachsen liess. Danach brachte die Eisenbahn wirtschaftlichen Aufschwung. Heute sind es engagierte Unternehmen, einer der grössten Landwirtschaftsbetriebe der Region und Bewohnerinnen und Bewohner, die den Weiler prägen. Gerade darin liegt die besondere Geschichte des Weilers: Er war nie gross, aber von einem stetigen Wandel geprägt.

Ein kleiner Bahnhof mit grosser Geschichte
Auf den ersten Blick ist der BLS-Bahnhof Lindenholz eine kleine Station auf dem Land. Doch er hat viele Geschichten zu erzählen: Güterwagen aus aller Welt, ehrgeizige Bahnprojekte und die Erinnerungen einer Bahnhofsvorsteherfamilie lassen eine Zeit lebendig werden, als Lindenholz ein bedeutender regionaler Umschlagplatz für Waren war. Marie Lanz-Anliker erinnert sich noch genau an ihre Kindheit am Bahnhof Lindenholz und auch an Szenen, in denen sich die schweren Schiebetüren der Güterwagen langsam öffneten und sie und ihre Geschwister gespannt danebenstanden und ins Wageninnere spähten. Doch bevor sie die Säcke mit Weizen aus Kanada sahen, schossen zuerst die Ratten aus dem Waggon. Ein Mann mit dem Gewehr wartete bereits. Marie Lanz-Anliker war die Tochter von Gottlieb Anliker, der von 1895 bis 1937 während 42 Jahren als Bahnhofsvorstand amtete. Die Familie wohnte direkt im Stationsgebäude. «Wir Kinder haben auf der Station Lindenholz eine wunderschöne Jugendzeit verlebt», wird Marie Lanz-Anliker in der Leimiswiler Chronik von Walter Hofstetter (1996) zitiert. An Spielgefährtinnen und Spielgefährten fehlte es ihr nicht – sie hatte zehn Geschwister. Für die Kinder wurde der Bahnhof zum Abenteuerspielplatz. Nachdem die Weizenlieferungen entladen waren, schrieb ihr Vater jeweils auf die Güterwagen: «Leer in die Heimat.» Danach standen die leeren Wagen oft noch tagelang auf dem Abstellgleis. «Für uns Kinder war das immer ein willkommener Spielplatz», erzählte Marie Lanz-Anliker. Auch ein Flüchtling, der sich einst in einem Getreidewagen versteckt hatte, blieb ihr unvergessen.

Reger Handel mit der grossen weiten Welt
Was heute eine beschauliche Haltestelle zwischen Langenthal und Huttwil ist, die täglich von weniger als 50 Personen genutzt wird, war einst ein lebendiger Umschlagplatz für Getreide, Holz, Vieh und landwirtschaftliche Erzeugnisse. Internationale Güterwagen aus Rotterdam mit Weizen aus Kanada oder Lieferungen aus Ungarn gehörten ebenso zum Alltag wie Pferdefuhrwerke, die das Getreide zu den Mühlen in Ober- und Unterlindenholz transportierten. Dass Lindenholz überhaupt einen Bahnhof erhielt, war alles andere als selbstverständlich. Als in den 1880er-Jahren die Langenthal-Huttwil-Bahn geplant wurde, war ursprünglich ein gemeinsamer Bahnhof mit Kleindietwil vorgesehen. Dagegen wehrten sich insbesondere die Müllerfamilien aus Lindenholz. Sie gehörten zu den wichtigsten privaten Geldgebern der neuen Bahn, deren Baukosten damals auf insgesamt 1,2 Millionen Franken veranschlagt wurden – das entspricht heute rund 200 Millionen Franken. Rund zehn Prozent aller privaten Investoren stammten aus Leimiswil – ein aussergewöhnlich hoher Anteil. Nicht zuletzt dank dieses Engagements erhielt Lindenholz schliesslich einen eigenen Bahnhof. Ironischerweise lag dieser bis zur Gemeindefusion von 2011 knapp ausserhalb der Gemeinde Leimiswil – auf Madiswiler Boden. Für die Leimiswilerinnen und Leimiswiler gehörte der Bahnhof jedoch stets selbstverständlich zum Weiler.

Lindenholz an der zentralen Nord-Süd-Achse?
Ursprünglich war sogar eine Bahnlinie von Herzogenbuchsee nach Kleindietwil geplant. Sie sollte Solothurn und Herzogenbuchsee mit Huttwil, Willisau und Wolhusen verbinden – als Teil der kürzesten Transitlinie zwischen dem Nordwesten und dem Süden Europas. Dadurch wäre die direkteste Verbindung vom Nordwesten Europas in den Orient entstanden. Unter der «Linden-Passhöhe» war dafür ein Tunnel vorgesehen. Die Gemeinde würde heute wohl deutlich anders aussehen, wären diese Pläne umgesetzt worden. Mit der Eröffnung der Bahnlinie am 1. November 1889 begann die Blütezeit des Bahnhofs. Über Jahrzehnte wurden hier Holz aus Ursenbach, Vieh, Getreide und Obst verladen. Besonders im Herbst herrschte Hochbetrieb. Mit der Zeit veränderte sich der Bahnhof. Bereits 1941 wurde der Halt auf Verlangen eingeführt, vier Jahre später die Strecke elektrifiziert. Zur Einweihung sangen Leimiswiler Schulkinder den Ehrengästen im Zug ein Ständchen. Ebenfalls 1945 ging die Langenthal-Huttwil-Bahn (LHB) in den Vereinigten Huttwil-Bahnen (VHB) auf.

Gut erhaltenes Bahnhofsgebäude
Der Güterverkehr nahm in den Nachkriegsjahren jedoch stetig ab. Lastwagen verdrängten die Bahn zunehmend. 1967 schloss der Billetschalter, seither ist Lindenholz eine unbediente Haltestelle. Dafür wurde in den 1990er-Jahren die Strecke zwischen Lindenholz und Madiswil mit einem zweiten Schienenpaar ergänzt, um die Kreuzung der Personenzüge mit den langen Güterzügen zu erleichtern. Geblieben ist das markante Stationsgebäude aus dem Jahr 1888. Mit der typischen Gliederung von Wohnhaus, Güterschuppen und Rampe gilt der Bahnhof Lindenholz als einer der am besten erhaltenen Bahnhöfe entlang der Strecke Langenthal–Huttwil. Die sorgfältige Reno­vation von 1996 bewahrte diesen Charakter. Dass der Bahnhof den Menschen noch heute am Herzen liegt, zeigte sich 2019 eindrücklich. Als der Erhalt der Haltestelle infrage gestellt wurde, löste dies eine Welle des Widerstands aus. Rund 500 Personen unterschrieben die Petition «Rettet den Bahnhof Lindenholz». Der Madiswiler Gemeinderat verzichtete schliesslich auf einen Schliessungsantrag. Heute wird die Bahnlinie von der BLS betrieben und der Bahnhof Lindenholz wartet auf den längst geplanten hindernisfreien Umbau. Zwar verzögert sich das Projekt weiterhin, doch die BLS hält am Standort fest. «Der Terminplan ist noch nicht abschliessend definiert», schreibt BLS-Mediensprecher Stefan Locher. «Wir werden die Gemeinde zu gegebener Zeit über das weitere Vorgehen in Lindenholz informieren.» Das Bahnhofsgebäude weist heute Renovationsbedarf auf, doch wie es künftig genutzt wird, ist noch offen. Stefan Locher sagt dazu: «Die Pläne für das Bahnhofsgebäude sind aktuell noch nicht definiert.» Sicher ist jedoch: Der kleine Bahnhof Lindenholz bleibt nicht nur ein Halt auf Verlangen, sondern auch ein Ort, an dem sich ein bedeutendes Stück Oberaargauer Eisenbahngeschichte bis heute ablesen lässt.

Von Patrick Bachmann