Der Lotzwiler Johann Aeschlimann blickt auf ein ereignisvolles Leben zurück. Auch nach der Pension bleibt er aktiv und voller Tatendrang. · Bild: Gabriela Graber
Von Lotzwil in die grosse, weite Welt
Er hat in vier Ländern gelebt, ging als US-Korrespondent im Weissen Haus ein und aus und hat für die UNO in der Friedensbildung gearbeitet und die Prominenz der Schweizer Politik getroffen: Der Lotzwiler Johann Aeschlimann hat viel erlebt. In diesem Porträt erzählt er von seinem aussergewöhnlichen Leben, wie er durch Zufall zu verschiedenen Positionen kam und vom Oberaargau in die weite Welt zog.
Lotzwil · «Vieles in meinem Leben ist einfach passiert, ohne dass ich es geplant hatte. Ich war wohl einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort – und ich hatte immer wieder grosses Glück», erzählt Johann Aeschlimann (73). Der Lotzwiler hat eine beeindruckende Karriere hinter sich: Als Journalist begann er bei einem Vorläufer der «Berner Zeitung», wechselte zur «Basler Zeitung» und wurde von dort als US-Korrespondent nach Washington entsandt. Weitere Stationen führten ihn zum Bund, wo er einer der Mediensprecher von Micheline Calmy-Rey wurde, sowie nach Bonn, Brüssel und an die Botschaft in Berlin – und mehrfach zurück nach Amerika, wo er für die Schweizer Vertretung bei der UNO arbeitete. Doch angefangen hat alles im Emmental.
Kindheit und Jugend im Bernbiet
«Mit fünf Jahren zogen wir als Familie vom Rüegsauschachen nach Bützberg, später nach Langenthal – und ab meinem achten Lebensjahr wohnten wir in Lotzwil», erzählt Johann Aeschlimann. Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierte er das Gymnasium in Langenthal mit Schwerpunkt Altsprachen (Latein und Griechisch). «Ich wusste nicht, was ich werden wollte. Also wählte ich die Option, die mir später die meisten Möglichkeiten offen liess.» Danach folgte ein Geschichtsstudium an der Universität Bern. In den ersten Jahren an der Uni habe er viel Zeit am Flipperkasten oder in Beizen verbracht. «Ich wollte meinem Vater nicht länger auf der Tasche liegen. Also suchte ich mir eine Stelle.» Die fand er bei den «Tagesnachrichten», einem Vorgänger der «Berner Zeitung». «Sie suchten Studenten, die Abendschichten von 15 bis 24 Uhr übernahmen. Mit einem Freund teilte ich mir die Stelle.» Obwohl Aeschlimann keine grossen journalistischen Vorkenntnisse hatte – abgesehen von gelegentlichen Artikeln fürs «Emmentaler Blatt» – übernahm er von Anfang an viel Verantwortung. «Wir lösten wochenweise entweder den Inland- oder den Auslandredaktor ab und gestalteten die Frontseite – von der Schlagzeile über die Themen- bis zur Bildauswahl.» Bis zum frühen Abend unterstützte sie der Chef, den Abschluss mussten sie jedoch alleine machen. «Ich habe es geliebt.» Gegen Ende seines Studiums wechselte er kurz zur «Berner Zeitung», bewarb sich jedoch gleichzeitig bei verschiedenen Zeitungen. 1979, nach dem Studienabschluss, reiste er für vier Monate nach Mexiko. «Als ich zurückkam, lag ein Schreiben der «Basler Zeitung» im Briefkasten: Ich solle mich vorstellen.» Aeschlimann bekam den Job in der Auslandsredaktion in Basel. «Nach vier Jahren musste unser Washington-Korrespondent in die Schweiz zurück – und ich konnte seinen Posten übernehmen. Und so war ich plötzlich in den Staaten.
Auf in die Staaten
«Es war eine paradiesische Zeit. Ich war im Land aller Möglichkeiten, hatte wahnsinnig guten Zugang zu öffentlichen Informationen, Think Tanks, Verbänden. Es war immer etwas los.» Er hatte Zutritt zum Kongress, zum State Department, und mit dem White House Press Pass konnte er täglich ins Weisse Haus. «So etwas ist heute nicht mehr denkbar.» Den Präsidenten interviewt habe er nicht, aber er konnte mit vielen Expertinnen und Experten reden. «Ich habe extrem viel gelernt – es war viel besser als eine Uni.» Seine Aufgabe war es in erster Linie, das politische Geschehen der Vereinigten Staaten abzudecken. «Daneben habe ich auch Sportberichte oder gesellschaftliche Themen verfasst. Das Ziel war, dass ich der Leserschaft vermittle, wie das Leben in Amerika ist – abgesehen davon, dass ich erklären musste, wie amerikanische Politik funktioniert.» Für die Recherche ging er jeweils am Morgen früh die Zeitungen holen. «Diese waren der Grundstock des Wissens. Daneben gab es das Radio, die täglichen Pressekonferenzen und wenn ich noch Zeit hatte, konnte ich jemanden anrufen.» Mit der «Basler Zeitung» war er mindestens einmal pro Woche telefonisch in Kontakt. Da wurde entschieden, worüber er schreiben musste. «Bezüglich dem Rest war ich total frei», erinnert er sich.
Artikelübertragung anno dazumal
Bis Mittag, in Ausnahmefällen bis nachmittags um drei Uhr (21 Uhr abends in der Schweiz) musste Aeschlimann seine Artikel liefern, damit sie rechtzeitig gedruckt werden konnten. «Die Übermittlung war damals eine Herausforderung. Es gab nur das Telefon und den Telex», erzählt er. Dafür telefonierte er jeweils nach Basel und las den Artikel vor, den die Sekretärinnen Wort für Wort niederschrieben. «Die Telefonkosten betrugen vier Franken pro Minute – man musste also wirklich schnell reden!» Alternativ wurde der Telex genutzt – eine Datenübermittlung mit Lochstreifen. «Dazu musste ich mit meinem Manuskript zum Telex-Amt. Dort wurde der Text in Lochstreifen umgewandelt. Dieser wurde über ein Kabel in die Schweiz übertragen und kam als Telex auf der Redaktion an. Dort hat eine Maschine den Streifen wieder in Text umgewandelt.» Später war der Gang zum Amt nicht mehr nötig. «Als einer der ersten Journalisten erhielt ich so etwas wie einen tragbaren Computer: einen «Scrib», hergestellt von der Firma Bobst in Lausanne. Das war eine 15 Kilogramm schwere Kiste ohne Bildschirm, in die ich meine Texte schrieb.» Der Text wurde auf einem Tonband gespeichert – das eine Kapazität von gerade einmal 32 Kilobyte hatte. Das Geschriebene konnte mittels «akustischem Koppler» und Übermittlungsprogramm per Telefon übertragen werden. «Ich wählte eine Nummer, dann ertönte ein Pfiff – und die Übermittlung startete, was rund 20 Minuten dauerte.» Dieses System, das in den Anfängen 10 000 Franken kostete, wurde später durch eine kleinere, tragbarere Version ersetzt.
Clinton in der Kirche abgepasst
Ein Erlebnis ist Aeschlimann besonders in Erinnerung geblieben. «1992 fanden in Amerika Wahlen statt. Ein Kollege von Le Monde und ich fuhren nach Little Rock in Arkansas, wo Clinton wohnte – in der Hoffnung, ihn für ein Interview zu erwischen.» Vor Ort hätten sie sich durchgefragt und erfahren, dass Clinton sonntags in die Kirche ging. «Also haben wir ihn dort abgepasst. Doch als er vor dem Gottesdienst kurz aus der Kirche herauskam, hielten wir uns nicht dafür, ihn anzusprechen und nach den Wahlen zu fragen. Nachher gab es jedoch einen Gruppentermin mit anderen Journalisten.» Zwölf Jahre lang war Aeschlimann Korrespondent in Washington. In dieser Zeit lernte er auch seine erste Frau kennen, die er 1987 heiratete. Bald darauf wurden seine beiden Töchter geboren. «1995 wollte die ‹Basler Zeitung› eine Veränderung, und ich wurde als Korrespondent nach Bonn geschickt.» Es seien die letzten Jahre unter Helmut Kohl gewesen, erinnert er sich. «Politisch lief kaum etwas, da im Bundestag alles blockiert war. Also bin ich viel herumgereist und habe nach Themen gesucht.» Besonders in Ostdeutschland verbrachte er viel Zeit. «Für mich war es faszinierend zu beobachten, wie zwei so unterschiedliche Gesellschaften zu einem Land zusammenwuchsen.»
Brüssel, Bern und Calmy-Rey
Es folgte eine Station als Korrespondent in Brüssel, bevor er zurück in die Schweiz ging – zum «Bund». »Das war eine schwierige Zeit: Überall musste gespart werden, und wir wussten oft nicht, ob wir unseren Lohn noch erhalten würden.» Danach wechselte er zu «Facts», dem ehemaligen Nachrichtenmagazin des Tages-Anzeigers. «Das war noch schlimmer: Auch ‹Facts› war total defizitär, es gab ständig Sparmassnahmen, und man musste wahnsinnig viel arbeiten – oft bis 1 oder 4 Uhr morgens.» Aeschlimann wusste, dass er auf der Abschussliste stand, und begann, sich zu bewerben, unter anderem auf eine Anzeige des EDA für den Sprecherdienst von Micheline Calmy-Rey. «Ich war total überrascht, als sie mich anriefen und mir mitteilten, dass ich die Stelle bekommen hätte. Ich war damals schon 55 Jahre alt und dachte, dass sie wohl eine Frau im Team haben wollten.» So arbeitete er knapp anderthalb Jahre eng mit der Bundesrätin zusammen, begleitete sie zu Anlässen und stand den Journalisten Rede und Antwort. «Sie hat immer im Hotel Bern übernachtet. Wenn wir spät mit Sitzungen fertig waren, hatte ich oft Mühe, sie zu begleiten – sie wollte mitten in der Nacht alleine durch die Stadt spazieren», erinnert sich Aeschlimann.
Zurück nach Amerika
«Eines Tages wies mich eine Kollegin auf eine Stelle an der UNO-Mission der Schweiz in New York hin. Da ich immer mit den USA geliebäugelt hatte, bewarb ich mich – und wieder nahmen sie mich!» Dort lernte er auch seine zweite Frau kennen, nachdem seine erste Ehe gescheitert war. Aeschlimanns Aufgabe war es, zu informieren, was in der UNO passierte. «Das Problem war, dass sich kaum jemand dafür interessierte.» Deshalb sei er nicht besonders ausgelastet gewesen. Doch eines Tages entschied der Botschafter, die Länderkonfiguration Burundi für die Peacebuilding Commission zu übernehmen – mit Aeschlimann als Unterstützung. «Das Ziel der Kommission ist es, Länder zu stabilisieren, die im Konflikt waren, und zu verhindern, dass sie in alte Konflikte zurückfallen.» «Wir mussten beobachten, was in Burundi passierte, uns mit der UNO und den Burundern austauschen, verschiedene Parteien bei der Stange behalten und versuchen, Lösungen zu finden. Burundi hatte in den Neunziger Jahren einen der schlimmsten Völkermorde seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt: Zwei ethnische Gruppen, die aufeinander losgingen. Die Lage war nach wie vor extrem prekär.» Zweimal begleitete er den Botschafter nach Burundi, wo dieser den Präsidenten und hohe politische Vertreter traf. «Es war eindrücklich, aber auch wahnsinnig frustrierend, weil wir kaum Fortschritte erzielten.» Mehr Zuspruch habe die Schweizer Forderung nach einer Reform des Sicherheitsrats gefunden. «Das war wahrscheinlich der stärkste Pfeil in meinem Köcher als Pressebeauftragter. Viele Medien interessierten sich für das Anliegen.» Nach dem Eintritt in die UNO hatte die Schweiz mit Singapur, Costa Rica, Jordanien und Liechtenstein die Gruppe ‹Small Five› gegründet, die Vorschläge für mehr Transparenz, verbesserten Zugang für Nichtmitglieder und eine Begründungspflicht der Ratsmitglieder unterbreitete. «Das waren machbare Anliegen unterhalb der Forderung nach Abschaffung des Vetos oder einer besseren Zusammensetzung des Sicherheitsrats, und sie trafen auf Interesse der UNO-Korrespondenten.» Sein Projekt, das am meisten Aufsehen erregt habe, sei die Einrichtung von Fernsehern zusammen mit seiner österreichischen Kollegin und einem UNO-Kollegen während der Fussball-EM 2008 in der «Delegates Lounge» an der UNO gewesen. «So konnten die delegierten Diplomaten die Spiele verfolgen. Dazu organisierten wir eine Ausstellung, die zeigte, wie Sport für Frieden und Entwicklung eingesetzt werden kann. Das war ein grosser Erfolg.»
Jahre in Berlin
«Als letzte Station vor meiner Pensionierung zog ich nach Berlin – zusammen mit meiner neuen Frau, die ich in New York kennengelernt hatte. Dort arbeitete ich als Kulturattaché – einer von drei Leuten, die viel wollten, aber wenig Mittel zur Verfügung hatten, um etwas umzusetzen. Mit den begrenzten Ressourcen gelang es uns, Schweizer Künstler, Literaten und Musiker in Veranstaltungen zu platzieren.» In dieser Funktion organisierte er auch den Schweizer Auftritt auf der Leipziger Buchmesse 2013 mit. Der Beitrag der Botschaft Berlin war eine literarische Online-Landkarte, die mit der Basler Germanistin Barbara Piatti produziert wurde. «Als es auf die Pensionierung zuging, wurde ich gefragt, ob ich eine Mutterschaftsvertretung für eine Bekannte übernehmen könnte, die als Media- und Election-Officer in der Botschaft in New York arbeitete. So konnte ich schon ein paar Tage vor der offiziellen Pensionierung dort anfangen und musste für die Schweizer Kandidaten in den UNO-Gremien Werbung machen.» Es folgte eine weitere Vertretung – während dieser Zeit schrieb er zwei Bücher zur UNO-Generalversammlung.
Auch nach der Pensionierung beschäftigt
Aeschlimann ist nach wie vor umtriebig. In der Covid-Zeit schrieb er ein weiteres Handbuch über den Wirtschafts- und Sozialrat der UNO. Zudem betreut er die Webseite der Schweizerischen Gesellschaft für Aussenpolitik und schreibt punktuell für ein Medienportal. Sein letztes grosses Projekt ist ein Buch über Bruno Hesse, einen Sohn von Hermann Hesse, der in Oschwand aufwuchs. Dafür las er rund 1100 Briefe von Hesse und seinem Sohn und führte zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen. Aktuell arbeitet er an einem weiteren UNO-Handbuch, schreibt für seine Webseite und möchte als Tenorsaxofonist mehr musizieren. «Das ist leider schwierig, wenn man nicht immer an einem Ort ist.» Aeschlimann blickt auf ein erfülltes Leben zurück: «Ich bin dankbar für all die Chancen, die mir begegnet sind, und für die Menschen, die mich auf diesem aussergewöhnlichen Weg begleitet haben», sagt Aeschlimann. «Es war ein Leben voller Überraschungen – und ich hätte nie gedacht, dass es mich an so viele Orte führen würde.» Heute lebt Aeschlimann mit seiner Frau Barbara, die in Berlin einen Chor leitet, zwischen Lotzwil, New York und Berlin.
Von Gabriela Graber