• 1000 Fans waren am Mittwoch beim Derby in der Campus-Eishalle mit dabei. · Bilder: Leroy Ryser

  • Langenthals Goalie Louis Kurt war der Baumeister des Derbysiegs über Huttwil.

  • Die Langenthaler bejubeln den 1:1-Ausgleich durch Lucas Smith (rechts).

  • Die siegreichen Langenthaler bedanken sich nach dem Überraschungssieg beim mitgereisten Anhang.

  • Langenthals Gauthier Girardin scheitert an Huttwils Goalie Siro Nicola Wyss.

06.02.2025
Sport

«Von Nullen zu Helden» – Langenthals wundersame Steigerung

Der SC Langenthal besiegt in einem hochstehenden, intensiven Derby Hockey Huttwil verdient 3:1. Ein historischer Erfolg: Langenthals erster Sieg nach neun Derby-Niederlagen.

 

Hockey · Manchmal lohnt es sich, kurz innezuhalten und zurückzublicken. Um die Bedeutung des Augenblickes zu ermessen. Der Blick zurück auf die Derbys: In der Saison 2023/24: Huttwil – Langenthal 5:3 (Testspiel), Langenthal – Huttwil 5:7, Huttwil – Langenthal 5:0, Langenthal – Huttwil 1:4, Huttwil – Langenthal 3:2 n. P. In der Saison 2024/25: Huttwil – Langenthal 5:3 (Testspiel), Langenthal – Huttwil 1:4, Huttwil – Langenthal 8:2, Langenthal – Huttwil 1:8, Huttwil – Langenthal 1:3.

«Neues» Langenthal überzeugt
Dieses 3:1 in Huttwil am letzten Mittwoch ist also wahrlich ein historischer Sieg. Daniel Bieri wirkt nach der ersten Niederlage gegen Langenthal ein wenig ratlos und gar nicht so knurrig und unzufrieden, wie Trainer nach einem verlorenen Spiel sonst meistens sind. Er spricht von einem sehr intensiven Spiel und einem starken Gegner und – natürlich – auch von den Unzulänglichkeiten seiner Mannschaft. Aber in erster Linie ist er sichtlich beeindruckt von diesem «neuen» SC Langenthal. Ja, es ist ein «neuer» SC Langenthal. Nur selten gelingt einer Mannschaft in so kurzer Zeit eine derartige Steigerung. Dafür haben die Nordamerikaner eine treffende Formel: «From Zero to Hero.» Was frei übersetzt bedeutet: «Von Nullen zu Helden.»

Goalie Louis Kurt überragend
Am 9. November ist Langenthals Trainer Robert Othmann nach einer schmählichen 2:8-Niederlage in Huttwil gleich nach dem Spiel im Medienraum des Stadions des Amtes ent­hoben worden. Er ist jetzt Juniorentrainer beim SC Bern. Nicht ganz drei Monate nach dieser «Stunde Null» tritt ein «neuer» SC Langenthal in Huttwil an und gewinnt erstmals ein Derby. Es ist eine hochstehende, intensive und anfänglich wilde Partie. Wie ist diese Entwicklung möglich? Der neue Trainer Serge Meyer sagt: «Als ich die Mannschaft übernommen habe, war kein Leben mehr in der Kabine.» Nun sei der SCL wieder eine verschworene Einheit. «Aber diese Entwicklung brauchte Zeit.» Keiner illustriert diese Wandlung von «Zero to Hero» so schön wie Torhüter Louis Kurt (21). Er ist im Derby der wichtigste Einzelspieler, hält seine Mannschaft vor allem in der ersten Hälfte im Spiel. Seine Entwicklung vom hektischen Lottergoalie zum coolen, unerschütterlichen letzten Mann mahnt fast ein wenig an Langnaus Stéphane Charlin. «Er wird von den Vorderleuten nun auch besser unterstützt», sagt Serge Meyer und ergänzt, es helfe ihm wohl auch, dass er jetzt die klare Nummer 1 sei. Dazu kommt: Unter Serge Meyer ist der SC Langenthal «rumpelfest» geworden und dazu in der Lage, die Intensität der wilden Startoffensive der Huttwiler auszuhalten, die wohl gegen jede andere Mannschaft der Liga bereits zur Entscheidung geführt hätte. Die Langenthaler biegen sich unter diesem Druck. Aber sie brechen nicht. Bis unters Hallendach ist zu spüren, wie die Langenthaler immer stärker, selbstsicherer und dominanter werden. Zwar gelingt Huttwil im Powerplay in der 24. Minute das 1:0. Aber allen ist klar: Das wird nicht reichen. Unmittelbar vor dem Führungstreffer ist Topskorer Hassan Krayem in Unterzahl entwischt, kann allein losziehen und Siro Nicola Wyss rettet mit einer wundersamen Fanghand-Reflexparade.

Entschlossenere Equipe siegt
Es gibt für die Huttwiler keine Ausreden. Zum ersten Mal ist Langenthal besser. Die entscheidende Differenz ist nicht taktischer Natur. Um wenigstens die Pre-Playoffs zu erreichen, steht der SCL im neuen Jahr in jedem Spiel unter maximalem Druck. Die Playoffs haben sozusagen mit der Amtsübernahme von Serge Meyer begonnen. Nun spielt die Mannschaft intensives Playoff-Hockey und hat fünf der letzten sechs Spiele gewonnen. Die Huttwiler surfen hingegen als Spitzenteam seit Wochen von Sieg zu Sieg und hatten vor dem Derby sieben Spiele hintereinander gewonnen und sich ein wenig an die Leichtigkeit des Siegens gewöhnt. Dieses Derby hat die entschlossenere Mannschaft gewonnen. Oder wie es Huttwils Topskorer Timo Braus sagt: «Die Liga ist so ausgeglichen, dass 95 Prozent nicht reichen …» Wo er recht hat, da hat er recht: ein 95-Prozent-Huttwil kann gegen ein 100-Prozent-Langenthal nicht mehr gewinnen.

Der Schock-Moment
Kurz vor Schluss ein Schock-Moment. Silvan Hess (27) bleibt nach einem unglücklichen Zusammenprall vor dem gegnerischen Tor (kein Foul) liegen und muss, da er nicht mehr auf den Füssen stehen kann, mit der Bahre vom Eis getragen werden. Die bange Frage: Verliert Huttwil kurz vor den Playoffs seinen zweitbesten Torschützen (bisher 13 Treffer)? Ganz so schlimm ist es vielleicht doch nicht. Eine Stunde nach dem Spiel sitzt er im Stadionrestaurant mit seinen Spiel­kameraden beim Essen und sagt, er könne wieder gehen. Er werde nun so schnell wie möglich den Arzt konsultieren. «Vielleicht ist es nur eine schmerzhafte Prellung. Ich hoffe, dass ich die Playoffs bestreiten kann.» Er ist ein zäher Bursche. Serge Meyer hofft, dass sich die Hochform konservieren lässt und Daniel Bieri, dass diese Niederlage drei Runden vor Qualifikationsschluss eine Lehre zum richtigen Zeitpunkt ist. Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Taktische Änderungen sind nicht notwendig. Er muss nur dafür sorgen, dass nicht der Schlendrian aufkommt. Und die Konkurrenz spielt mit: Huttwils erster Verfolger Martigny verlor zur gleichen Zeit gegen den Tabellenletzten Lyss ... 

Matchtelegramm: 5. Februar. – Campus Perspektiven, Huttwil. – 1003 Zuschauende. – SR: T. Tzirtziganis, J. Fender/J. Lustenberger. – Tore: 25. M. Minder (A. Tschudi, M. Ruch/Ausschluss F. Perrenoud) 1:0. 53. L. Smith (H. Krayem, G.-M. Schmied) 1:1. 55. F. Perrenoud (N. Jobin, J. Liechti) 1:2. 60. J. Liechti (G. Girardin/ins leere Tor) 1:3. – Strafen: Huttwil 4x 2 Minuten; Langenthal 5x 2 plus 1x 5 Minuten plus Spieldauer (G. Jaquet). – Huttwil: S. N. Wyss; R. Bieri, N. Gurtner; J. Schwab, M. Schwegler; R. Zryd, J. Lanz; M. Minder, S. Aebi; T. Braus, J. Bieri, F. Haldimann; Y. Lerch, A. Tschudi, N. Waber; M. Ruch, S. Hess, R. Nyffeler; J. A. Weber, P. Kilchenmann, T. Nyffeler. – Langenthal: L. Kurt; P. Ahlström, D. Moser; F. Perrenoud, R. Sommer; G. Jaquet, L. Smith; M. Wyniger, G.-M. Schmied; F. Naber, G. L. Balzer, J. Schmid; P. Bandiera, K. Krayem, H. Krayem; J. Liechti, G. Girardin, N. Jobin; M. Büttikofer, F. Meinen, A. Boppart.  

Von Klaus Zaugg