• Rolf Hayoz ist aktuell SRO Direktor ad interim. Er möchte die SRO AG durch neue Impulse weiterbringen. · Bilder: Leroy Ryser

28.10.2025
Langenthal

«Wir bewegen uns in einer Komfortzone, wo niemand bereit ist, Abstriche zu machen»

Die Bekanntgabe, dass die Geburtenabteilung beim Spital Region Oberaargau (SRO) in Langenthal Ende September geschlossen und nach Burgdorf in die Spital Emmental AG verlegt wird, löste im Oberaargau ein kleines «Erdbeben» aus. Die Angst vor

einem weitreichenden Abbau beim SRO in Langenthal breitete sich in der Oberaargauer Bevölkerung aus und sorgte dafür, dass auf politischer Ebene Massnahmen gegen ein solches Szenario ergriffen wurden. Im Monats-Interview mit dem «Unter-

Emmentaler» nimmt Rolf Hayoz, SRO-Direktor ad interim, Stellung zur aktuellen Lage bei der SRO AG in Langenthal und versichert dabei, dass momentan keine weiteren Abbaupläne bestehen.

Walter Ryser im Gespräch mit Rolf Hayoz, Direktor ad interim SRO AG, Spital · Rolf Hayoz, wann wird die nächste Abteilung beim SRO in Langenthal geschlossen?
Bei uns sind momentan keine weiteren Schliessungen geplant. Im Spital in Langenthal bieten wir auch in Zukunft zusammen mit den im Oberaargau tätigen Hausärzten und Spezialisten für die Region eine hochwertige Grundversorgung an. Dabei nehmen insbesondere die Hausärzte der Region eine wichtige Rolle ein. Sie haben es noch schwieriger als wir, Nachwuchs zu finden. Als SRO bilden wir den Nachwuchs aus, was mithilft, die Grundversorgung nachhaltig sicherzustellen. Deshalb ist es unerlässlich, mit einem guten Spitalangebot in dieser Region vertreten zu sein. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auch betonen, dass nur die Geburten nicht mehr in Langenthal durchgeführt werden. Die ambulante Schwangerschaftsbetreuung durch Hebammen sowie Gynäkologinnen und Gynäkologen und auch die Nachkontrollen nach der Geburt werden wie bis anhin in Langenthal durchgeführt. Es war ein rationaler und wirtschaftlicher Entscheid, der für uns emotional nicht einfach zu vollziehen war, der aus betriebswirtschaftlichen Gründen jedoch absolut Sinn machte.

Ich weiss, das war gleich eine sehr provokative Frage zum Einstieg in unser Gespräch. Aber können Sie nachvollziehen, dass nach den Ereignissen der letzten Wochen eine solche Frage auf der Hand lag?
Diese Frage habe ich natürlich erwartet. Die letzten Wochen waren für die SRO nicht einfach. Transparente interne Kommunikation war sehr wichtig. Ich gebe zu, dass wir bei der ganzen Sache die politische Komponente etwas unterschätzt haben. Wir waren uns sehr bewusst, wie emotional das Thema ist. Die Heftigkeit der Reaktion hat uns sehr betroffen gemacht. Deshalb ist es wichtig für uns, dass die gesamte SRO-Organisation jetzt wieder zur Ruhe kommt und wir unsere Arbeit voll und ganz auf die Behandlung und Betreuung unserer Patientinnen und Patienten konzentrieren können.

Wie gesagt, der Unmut in der Bevölkerung, aber auch bei den Politikerinnen und Politikern, ist nach der Schliessung der Geburtenabteilung am SRO in Langenthal gross. Wie gehen Sie persönlich als Direktor des Spitals mit dieser Situation um?
Ich habe früh gelernt, hinzustehen, wenn es schwierig wird, und dabei ruhig zu bleiben. Dies habe ich von meinem Vater gelernt. Gleichzeitig gilt es jedoch auch, die eingetretene Situation ernst zu nehmen. Es gibt Reaktionen, welche wir erwartet haben, einige leider nicht. Manchmal wurde in der Presse auch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Ich lasse mich hier aber nicht provozieren, mache den Weg, der nötig ist und kommuniziere insbesondere intern mit meinen Geschäftsleitungsmitgliedern und mit dem Kader der SRO. Mit klaren Aussagen wollen wir dabei Sicherheit vermitteln. Sehen Sie, jährlich wird im Oktober über die Krankenkassenprämien geschimpft und jeder erwartet Massnahmen, Korrekturen, Einsparungen. Meistens wird dabei über die Spitäler als Kostentreiber gesprochen. Aber wo bewegen wir uns im Gesundheitswesen? In der Komfortzone, wo keiner bereit ist, Abstriche zu machen. Aber diese Thematik geht wohl zu weit und wir würden uns von den Themen beim Spital Langenthal entfernen.

Mit welchen Reaktionen, Fragen und Befürchtungen sind Sie und ihre Angestellten seither konfrontiert?
Wir haben zweierlei Reaktionen erlebt: Solche, die den Entscheid verstehen und solche, die kein Verständnis für den Entscheid haben. Die grösste Unsicherheit ist natürlich in Sachen Weiterbestand der SRO AG entstanden. Hier verstehen wir die Sorge der Oberaargauer um ihr Spital. Aber auch intern, bei unseren Mitarbeitenden, war eine gewisse Nervosität spürbar –  das leugnen wir nicht. Unsere Mitarbeitenden wurden logischerweise in ihrem privaten Umfeld auf die Situation angesprochen, was sicherlich nicht einfach war.

Sind die Mitarbeitenden dafür sensibilisiert worden – gibt es einen allgemeinen Sprachgebrauch, den das Spital-Personal bei Reaktionen der Patientinnen und Patienten, aber auch im privaten Umfeld, anwenden kann?
Wir haben an Kaderinformationen versucht offen zu kommunizieren und die Situation klar zu präsentieren. Wie jeder Oberaargauer machen sich auch alle unsere Mitarbeitenden Sorgen. An dieser Stelle muss ich mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen im SRO bedanken. Sie haben sich trotz der doch heftigen Äusserungen in der Presse und in den Sozialen Medien professionell verhalten und hervorragend gearbeitet. Dies ist nicht selbstverständlich. Wir haben bewusst darauf verzichtet, auf die vielen Berichte in den Medien und auf den Social-Media-Kanälen zu reagieren, um nicht noch mehr Aufruhr zu verursachen.

Befürchten Sie nicht, dass die jüngsten Ereignisse bei der SRO AG dazu führen könnten, dass in naher Zukunft vermehrt Mitarbeitende das Unternehmen verlassen werden?
Ehrlich gesagt, glaube ich zu spüren, dass unserem Personal andere Themen aktueller und wichtiger sind. Die Rekrutierung ist in verschiedenen Bereichen nicht einfach. Aber trotz der Turbulenzen in den letzten Wochen haben wir sogar einen Gegentrend registriert. Wir konnten nämlich den Anteil an temporärem Personal verringern und haben mehr Festanstellungen verzeichnen können – dies dank unserem Engagement und unserem Personal. Das ist für uns von zentraler Bedeutung, verzeichnen wir doch innerhalb eines Jahres eine Zunahme von 3,6 Prozent bei den ambulanten Patienten sowie eine Zunahme von 2,5 Prozent bei den stationären Behandlungen. Das ist eine nicht unwesentliche Entwicklung.

Es ist paradox: Wir alle wissen, dass unser Gesundheitssystem «krank» ist, dass wir vermutlich über zu viele Anbieter von Gesundheits-Dienstleistungen verfügen, aber niemand ist bereit, in seiner unmittelbaren Nähe darauf zu verzichten, was die Kosten weiter in die Höhe treibt. Wie geht man mit einer solchen Ausgangslage bei der täglichen Arbeit um?
Das Gesundheitssystem in der Schweiz hat Reformbedarf. Die SRO AG als Gesundheitsdienstleister ist sich dessen bewusst. Wir werden uns in den nächsten fünf bis zehn Jahren Schritt für Schritt weiterentwickeln und die Herausforderungen aktiv angehen. Die SRO AG wird es auch in Zukunft brauchen, sogar mehr denn je. Leider gibt es hier Leistungen, welche ein Spital nicht kostendeckend erbringen kann. Der Bürger hat eine obligatorische Krankenkasse und verlangt durch das Zahlen der Prämie jegliche Leistung vor Ort und hat dazu auch noch grosse Erwartungen an die Versorgung. Er will nämlich die erforderliche Leistung sofort und ohne jegliche Einschränkung; man könnte salopp sagen, dass der Patient «Freibier» erwartet. Es ist leider so, dass in Zukunft mehr betriebswirtschaftliche Überlegungen das Angebot beeinflussen werden. Gemeinwirtschaftliche Leistungen werden in der Schweiz von Kanton zu Kanton unterschiedlich gehandhabt. Wir wollen aber für unseren Oberaargau da sein und unseren Kundinnen und Kunden die beste Leistung anbieten. Dazu stehen in der gesamten SRO-Organisation durchwegs äusserst motivierte Leute zur Verfügung.

Schauen wir nun auf den Ist-Zustand. Wie präsentiert sich dieser beim Spital Langenthal?
Wir sehen im Oberaargau ein grosses Problem auf uns zukommen: dass wir immer weniger Grundversorger (Hausärzte) haben und hier auch eine grosse Verlagerung ins Spital entsteht. Wir beschäftigen 992 Vollzeitstellen (Stand September), womit wir der grösste Arbeitgeber der Region sind. Die Finanzierung konnten wir auf vernünftige Beine stellen. Die SRO konnte sich vom kantonalen Rettungsschirm lösen. Den Druck, der auf uns lastet, können wir jedoch nicht wegnehmen, und deshalb sind wir weiter gefordert.

Welche Schritte im gemeinsamen Prozess mit der Spital Emmental AG in Burgdorf sind als nächstes geplant?
Wir sind in derselben Spitalregion tätig – jedoch haben wir praktisch keine gemeinsame Gebietsabdeckung. Wie bereits verkündet bleiben wir eigenständig, werden aber miteinander über die künftigen Entwicklungen sprechen müssen – insbesondere, was die bevorstehende Veränderung der kantonalen Spitalliste sowie die fortschreitende Ambulantisierung betrifft.

Es lässt sich nicht leugnen, dass die Lage in der gesamten Spitallandschaft weiterhin sehr angespannt ist. Welche Schritte unternimmt man bei der SRO AG, um die Spital-Grundversorgung am Standort Langenthal langfristig zu sichern?
Wir bilden aus. Pflegende, Ärztinnen und Ärzte usw. Dies hilft uns natürlich, Nachwuchs zu generieren. Wir wollen attraktiv für Mitarbeitende sein. In Zusammenarbeit mit Hausärzten und Grundversorgern wollen wir unsere Angebote und Dienstleistungen weiter verbessern. Betriebswirtschaftlich wollen wir noch näher an unser Kader und die Mitarbeitenden heranrücken. Wir wollen für die Oberaargauerinnen und Oberaargauer da sein.

Im Grossen Rat des Kantons Bern sind diverse Vorstösse zur Situation der bernischen Spitäler, aber auch speziell zur SRO AG in Langenthal, hängig. Hier sind Sie aktuell nur Zuschauer und müssen der Dinge harren, die da kommen werden. Wie intensiv beschäftigt sie diese politische Auseinandersetzung?
Intern beschäftigt uns dieses Thema nicht gross – das gehört einfach zum Schweizer Demokratierecht. Wir sind natürlich gespannt auf den Ausgang der Abstimmungen. Selbstverständlich interessiert uns diese Diskussion, aber wir können nur bedingt Einfluss nehmen. Manchmal erstaunt mich, dass es vielen Personen nicht bewusst ist, über welche Summen (Kosten) wir hier eigentlich sprechen.

Kommen wir noch zu Ihnen persönlich: Erzählen Sie uns doch, woher Sie kommen und weshalb sie hier im Spital in Langenthal arbeiten.
Ich bin ein echter «Seisler» und damit im Eishockey logischerweise Gottéron-Fan. Ich bin auch «bilingue»: «Seislerdütsch» und Berner Dialekt. Ich wohne im Kanton Freiburg. Ich habe während meiner ganzen beruflichen Karriere immer im Gesundheitswesen gearbeitet. 27 Jahre davon war ich in den Hirslanden-Kliniken Bern tätig. Bereits mit 27 Jahren wurde ich Finanzchef der Klinik Beau-Site. Vor einiger Zeit habe ich dann eine neue Herausforderung gesucht. Dabei hatte ich Kontakte zu einigen SRO-Mitarbeitenden, unter anderem auch zum damaligen Direktor Andreas Kohli. Natürlich habe ich eine ruhigere Zeit hier in Langenthal erwartet (lacht). Aber es war mein Ziel, mein sehr fundiertes und breites Wissen in die SRO-Gruppe einzubringen.

Sie leiten die SRO AG ad interim. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Amt in einer für das Spital schwierigen Zeit zu übernehmen?
Meine Arbeitseinstellung und die Situation, in welcher die SRO AG gesteckt hat. Meine mir nahen Mitarbeitenden und die Verantwortung, die SRO AG auch durch schwierige Situationen zu führen. Weiter habe ich das Gefühl, die SRO durch neue Impulse weiterbringen zu können. Hier habe ich ein klares Führungsverständnis – Teamarbeit, Austausch, Transparenz, Unterstützung usw. Ich habe diesen Job nicht wirklich gesucht; es war für mich aber klar, dass ich in dieser schwierigen Lage aushelfen werde – so lange, wie ich es kann oder es nötig ist.

Wie lange dauert ihr «Provisorium» noch an oder werden Sie die Aufgabe als Spital-Direktor definitiv übernehmen?
Wie bereits im Juni verkündet, habe ich mich dafür ausgesprochen, diese bis Ende Jahr zu übernehmen. Ich habe eigentlich schon früher in meiner Karriere festgelegt, dass ich keine CEO-Karriere anstrebe. Ich fühle mich in meiner Rolle als Finanzchef mit einigen Zusatzaufgaben sehr wohl und kann meine Fähigkeiten hier sehr gut «ausleben». Ich werde jedoch Ihre Frage hier offenlassen.

Aufgrund der jüngsten Turbulenzen ist ihre Aufgabe vermutlich nicht gerade ein «Schoggi-Job». Was reizt Sie an diesem Amt und was gefällt Ihnen besonders bei ihrer täglichen Arbeit?
Nein, definitiv nicht. Es ist eine riesige «Challenge». Im Moment ist es für mich ein 180-Prozent-Job, insbesondere, weil ich hier ja zwei «vollwertige» Jobs, CEO und CFO, innehabe. Aber es reizt mich einfach, einen solchen Veränderungsprozess begleiten und vollziehen zu können. Die Kontakte mit meinen Mitarbeitenden sind ein Ansporn für mich. Diese Leute zu befähigen, dass sie mehr können und dürfen, als sie sich normalerweise zutrauen, ist eine schöne Aufgabe. Die Unterstützung meines Kaders motiviert mich ebenfalls. Die positiven Veränderungen sehen zu können und zu spüren, dass wir etwas bewegen können, macht den Reiz dieser Tätigkeit aus.

Wie gelingt es Ihnen, im Privatleben die berufliche Belastung und Anspannung auszublenden, auf die Seite zu schieben und sich entsprechend zu erholen?
Ich bin auch nicht mehr der Jüngste (lacht herzhaft). Deshalb muss ich auf mich selbst aufpassen, um nicht die Grenzen der Möglichkeiten zu überschreiten. Ich geniesse die volle Unterstützung meiner Frau und meiner beiden Kinder. Dies ist für mich sehr wichtig und gibt mir auch den nötigen Halt. Sie legen mir zugleich immer wieder den Spiegel in die Hand, weil sie mir ehrlich sagen, wenn sie etwas sehen, das nicht stimmt. Ich bin gerne draussen in der Natur. Meine grösste Erholung ist das Golfspiel. Ich bin praktisch neben einem Golfplatz aufgewachsen. Was viele nicht wissen: In diesem Sport liegt  viel Potenzial. Beim Spiel ist es wichtig, die Technik zu beherrschen, physisch bereit zu sein (mindestens acht Kilometer zu laufen), eine gute Taktik zu haben – und mit Demut dabei zu sein.

Zum Schluss interessiert uns noch: Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft des Spitals Langenthal?
An dieser Stelle möchte ich gerne drei Wünsche platzieren: Dass die Mitarbeitenden gerne bei uns arbeiten; dass unsere Finanzen immer im Lot sind; und dass alle Oberaargauerinnen und Oberaargauer ihrem Spital die Treue halten.