• Der Gründer Micha Hofer und die Wirtin Vroni Jost sind gut befreundet. · Bilder: Felix Ott

  • Der Stammtisch ist der wichtigste Ort in der Beiz.

  • An der Wand hängen Geldnoten fürs spätere Bezahlen.

  • Am Wochenende ist das Lokal teilweise rappelvoll.

  • Die Bar hat Hofer von einem Freund übernommen.

28.11.2025
Oberaargau

Wo Kühe Platz machten für den Stammtisch

Wo früher Kühe standen, schenkt heute Vroni Jost Getränke aus: Die «Chuestallbar» in Melchnau ist längst mehr als eine Beiz. Micha Hofer hat sie mit viel Herzblut zu einem charmanten Treffpunkt umgebaut. Heute ist die «Chuestallbar» Leidenschaft, Familienersatz und ein Symbol für den Zusammenhalt im Dorf.

An der Dorfstrasse in Melchnau steht ein unscheinbarer Kuhstall. Ein Schild weist darauf hin, dass hier längst keine Kühe ein- und ausgehen, sondern sich der Ort zu einer etablierten Stammbeiz entwickelt hat. Auf der Rückseite des Gebäudes steht gleich neben dem Eingang ein grosser Tisch. An der Wand hängt ein Rinderschädel. Es ist das Markenzeichen der «Chuestallbar». Im Innern des Stalls warten Micha Hofer und Vroni Jost. Hofer hat die «Chuestallbar» vor zwölf Jahren ins Leben gerufen, seit dreieinhalb Jahren führt Vroni Jost den Betrieb. Die beiden wirken vertraut, sie necken sich ständig. In der kleinen Beiz herrscht eine familiäre Stimmung. «Jeder kennt hier jeden», sagt Hofer. Wenn jemand Neues hereinkommt, dauere es meist nur wenige Minuten, bis er oder sie am Stammtisch sitzt und dazugehört, so der gelernte Landwirt.

Ein neuer Stammtisch musste her
Als Melchnau mit der Schliessung des Bahnhöflis eine Stammbeiz verlor, kam Hofer auf die Idee, seinen Kuhstall zum lokalen Treffpunkt umzubauen. Ein Freund habe ihm gesagt: «Du hast ja Platz.» Also machte er sich an die Arbeit: Er reinigte den Stall gründlich, zog eine neue Wand ein und isolierte die Mauern. Schon war eine neue Dorfbeiz entstanden. Mit selbstgeschreinerten Tischen und einem Bartresen von einem Bekannten bekam der Stall eine neue Funktion. Später folgten die weitere Möblierung und eine selbstgebaute WC-Anlage.Die «Chuestallbar» entwickelte sich rasch zu einer beliebten Beiz. Jeweils am Donnerstag, Freitag und Samstag ist sie ab 17 Uhr geöffnet. Nicht selten ist der Stall rappelvoll. Aber auch abseits der Öffnungszeiten kann die «Chuestallbar» auf Anfrage für Geburtstage, Sitzungen oder Fondue-Abende genutzt werden. Das Lokal wurde zum Ort, an dem sich Leute aus der Gemeinde und der Umgebung treffen. Auch Vereine stossen nach Proben oder Versammlungen gerne noch auf einen Absacker an.

Die Zeiten wurden schwieriger
2018 veränderte ein Schicksalsschlag das Leben von Micha Hofer: Nach einem Motorradunfall landete er im Rollstuhl. Trotzdem führte er die «Chuestallbar» zunächst weiter. Er servierte Getränke mit einem Tableau auf dem Schoss. Es wurde zunehmend schwierig, mit dem Rollstuhl zu manövrieren, wenn die Bar voller Menschen war. Mit der Corona-Pandemie wurde der Betrieb der Beiz noch anstrengender. Die Abstandsregeln liessen sich im kleinen Raum kaum einhalten. «Das war eine schwierige Zeit. Die Vorschriften änderten ständig, und die Leute hatten Angst», sagt Hofer. Er wollte aufhören. Melchnau drohte erneut seine letzte Stammbeiz zu verlieren. Da trat Vroni Jost auf den Plan. «Sie kannte ohnehin jede und jeden im Dorf», sagt Hofer. Und sie hatte Erfahrung in der Gastronomie: Zuvor arbeitete sie in der «Linde» in Melchnau, im «Kreuz» in Obersteckholz und im «Meilenstein» in Langenthal. Trotzdem zögerte sie, als Hofer sie ansprach. «Ich hatte Angst», sagt Jost. Mit drei kleinen Kindern sei der Betrieb einer Beiz nicht einfach. Doch ihr Mann überzeugte sie, die Chance zu nutzen. So sagte Jost schliesslich zu, die «Chuestallbar» zu übernehmen. «Ich bin stolz, diese Beiz von Micha weiterzuführen», sagt sie. «Ich hätte sie auch niemand anderem gegeben», wirft Hofer ein.

Unter neuer Leitung geht es weiter
Heute läuft es sehr gut in der Beiz, sind sich die beiden einig. Auch Josts Kinder helfen ab und zu beim Servieren aus. Veränderungen habe es seit der Übergabe kaum gegeben. «Die Leute schätzen, wie es hier läuft», sagt Jost. Das liegt auch daran, dass sich die Gäste untereinander bestens kennen. «Wer Probleme macht, ist das letzte Mal hier», sagt Hofer. «So kann man seinen Leuten vertrauen.» Dieses Vertrauen zeigt sich auch an den Wänden und an der Decke. Da die «Chuestallbar» nur Bargeld akzeptiert, lassen viele Gäste anschreiben. An der Wand hängen Zettel mit offenen Rechnungen von Besucherinnen und Besuchern, die später bezahlen. Andere deponieren vorgängig etwas Bargeld. So kommt es, dass an der Wand und an der Decke immer wieder Zehner- und Zwanzigernoten hängen. Die «Chuestallbar» ist ein familiärer, aber auch offenherziger Ort, an dem alle willkommen sind. Der Wunsch der beiden: Die Leute sollen merken, dass die Beiz kein geschlossenes Vereinslokal ist. Viele wüssten gar nicht, dass sich in dem unscheinbaren Haus überhaupt eine Beiz befindet. «Bei uns ist wirklich jeder willkommen», sagt Hofer. Und klar ist: Es dauert nicht lange, bis man am Stammtisch sitzt.

Von Felix Ott