• Angeregtes Podium in Sumiswald (von links): Peter Balzli, Franz Jaeger, Haig Simonian und David Moran, Britischer Botschafter in der Schweiz. · Bilder: Ernst Marti

15.11.2016
Emmental

Brexit, EU und das Emmental

Auch der diesjährige Emmentaler Herbstanlass, welcher dem Thema «Der Brexit – Chancen und Risiken für das Emmental» gewidmet war, wurde wieder ein Vollerfolg. Mit dem britischen Botschafter in der Schweiz, David Moran, dem Journalisten Haig Simonian, dem St. Galler Professor Franz Jaeger sowie SRF-Korrespondent Peter Balzli als Diskussionsleiter gelang es den Organisatoren erneut, kompetente Persönlichkeiten ins Emmental zu locken.

Sumiswald · «Diese Woche wurden wir vom Ergebnis der USA-Präsidentenwahl ebenso gross überrascht, wie vor einem halben Jahr vom Brexit-Entscheid der Briten», stellte Roland Loosli, Präsident von Netzwerk Wirtschaft Emmental und des Handels- und Industrievereins Burgdorf-Emmental zur Eröffnung des Herbstanlasses in Sumiswald fest. Gleich in drei Sprachen, nämlich in Berndeutsch, Hochdeutsch und Englisch, konnte er in den Räumen der Sommer AG in Grünen nicht nur die international bekannten Referenten, sondern ebenfalls eine grosse Gästeschar aus dem heimischen Emmental begrüssen.
Auch für den Geschäftsleiter der Sommer AG, Bernhard Stucki, war es eine grosse Ehre, in seinem Betrieb eine so illustre Gesellschaft begrüssen zu dürfen. In einem schwierigen Umfeld, man denke nur an die ausländische Konkurrenz, die behördlichen Auflagen und die vielen staubedingten Zeitverluste, müsse man sich behaupten können, stellte er fest. Zusammengezählt umrunden die Chauffeure der Sommer AG mit Bus oder Lastwagen pro Jahr ungefähr 30 mal die Erde. Und wenn man den glänzenden Zweistöckerbus sah, der als Kulisse des Anlasses diente, bekam man Lust einzusteigen und sich in wärmere Gebiete entführen zu lassen.

Die Schweiz und England sind sich ähnlich
Der 57-jährige David Moran, seit dem 6. Januar 2014 Britischer Botschafter für die Schweiz und Liechtenstein in Bern, hielt in seinem auf Deutsch gehaltenen Referat fest, dass sich die Schweiz und England eigentlich ähnlich sind, wissen doch beide Länder, wie man in schwierigen Zeiten wachsen kann. Für sein Land ist die Schweiz ein wichtiger politischer und wirtschaftlicher Partner. Die starke bilaterale Beziehung werde wie bisher auch in Zukunft weiterbestehen. Nach wie vor sei der Handel mit der EU wichtig, doch gelte es noch viel zu regeln. «Wir wollen europäisch erfolgreich wirken und das schliesst die Schweiz als unseren sechstwichtigsten Handelspartner mit ein. Im Jahr 2015 betrug unser  Handelsvolumen mit der Schweiz so viel wie mit Kanada und Polen zusammen», sagte Moran. Für den britischen Botschafter ist das Brexit-Abstimmungsergebnis nach wie vor klar: «Es gibt keine Zweifel am Resultat, das britische Volk hat sich deutlich dafür entschieden, die EU zu verlassen; was bedeutet, dass sich Grossbritannien auf einem neuen Weg befindet.» Doch bis es so weit ist, könnte es noch einige Zeit dauern. «England ist nun seit 43 Jahren Mitglied, dadurch könne der Austritt sicher nicht von einem Tag auf den anderen erfolgen, da vorher noch einiges zu erledigen sei», betonte der Diplomat. «Brexit wird ein langer Prozess sein, wir stehen erst am Anfang und bis es soweit ist, wird noch sehr viel zu regeln sein.»

Eine lebhafte,  kontroverse und begeisternde Diskussion
Mit dem emeritierten Wirtschaftsprofessor Dr. Franz Jaeger und dem ehemaligen Schweizer Korrespondenten der «Financial Times» und heutigen freien Journalisten, Dr. Haig Simonian, trafen in der anschliessenden anregenden Diskussionsrunde zwei Fachleute mit ziemlich unterschiedlichen Meinungen zum Thema Brexit und EU aufeinander. Während der britische Botschafter sich – ganz Diplomat – eher zurückhaltend äusserte, gab es unter der Leitung des Emmentalers Peter Balzli, der als SRF-Korrespondent einige Jahre in England und seit einem halben Jahr mit Standort Wien über Osteuropa berichtet, zwischen den beiden äusserst interessante und lebhafte Wortgefechte, welche die Zuhörenden begeisterten.
Der 75-jährige Franz Jaeger, angriffig wie seinerzeit in seinen 24 Jahren als Nationalrat, bezeichnete sich zwar als echten Europäer, doch von den Strukturen der derzeitigen EU hält er, ge-linde gesagt, nicht allzu viel: «Die EU leidet unter zwei Übeln. Der Euro wird nicht funktionieren, denn noch nie hat es eine Gemeinschaftswährung ohne eine politische Union gegeben, das ist das erste. Das zweite ist, dass ein Zusammenhang zwischen dem Binnenmarkt, zu dem auch die Schweiz gehören muss, und der totalen Freizügigkeit ein Zusammenhang konstruiert wurde. Dieses Konstrukt ist ein Unding, ermöglicht es doch für Alle den Zugang zu unseren gut ausgebauten Sozialsystemen. Die Ostländer wollen nur profitieren und wir sollten dann bezahlen.» Für Franz Jaeger ist klar, wenn diese zwei EU-Lügen, wie er sie nennt, nicht behoben werden, sehe er schwarz für Europa. Weiter bemängelte er die schon oft kritisierte EU-Bürokratie: «Wenn 400 Seiten Gesetz dafür benötigt werden, wie man mit den Kerzen am Weihnachtsbaum umgehen soll, stimmt für mich etwas nicht», sagt er provokativ. Doch etwas versöhnlicher meint er danach: «Ich bin für Europa, denn ohne Zusammenstehen wird Europa Probleme bekommen. Wenn die EU jedoch die Briten bestrafen will, so wird sie sich ins eigene Bein schiessen.»
Eine etwas abweichende Sicht der Dinge vertrat der Journalist Haig Simonian als Verteidiger der heutigen EU: «Die EU ist weit mehr als eine Freihandelszone. Die Idee war zuerst mal: keine Kriege mehr in Europa. Heute sehen wir auch die Vorteile der offenen Grenzen, denn bei einem Übertritt von einem Land in das andere gibt es keine langen Wartezeiten mehr», und mit einem Blick über den Ozean: «America first, sagt der neugewählte amerikanische Präsident, da müssen wir Europäer doch zusammenstehen. Natürlich hat man Fehler gemacht doch gemeinsam und mit der Schweiz müssen wir versuchen, weitere zu vermeiden», so Simonian

Der Brexit und die Folgen für das Emmental
In einem Punkt waren sich die beiden Kontrahenten ziemlich einig, nämlich, dass das Emmental auch mit Brexit in Zukunft seine wirtschaftlichen Chancen hat. Voraussetzung sei jedoch, dass die Exportunternehmen aktiv auf die englische Wirtschaft zugehen. «Es gibt eine Chance, aber es wird schwierig», meint Simonian, während Botschafter Moran zuversichtlich ist, dass die Beziehungen zwischen England und der Schweiz nach dem Brexit noch intensiver sein werden, als sie bisher schon sind.
Und wie hörte man von den Referenten zum Schluss, bevor es zum Apéro ging, an dem noch lange über das Gehörte diskutiert wurde: «Optimisten sind wirtschaftlich erfolgreicher, Pessimisten leben dafür länger.»· Von Ernst Marti

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