• Die Darstellenden des Films «Die 6 Kummerbuben» nach 50 Jahren wieder vereint (von links): Peterli (Uli Hager); Fredu (Heinz Hiltbrunner); Jöggu (Daniel Ruch); Klärli (Christine Baumgartner); Hänsu (Jürg Dreier); Fritzli (Beat Schenk); Linda Geiser, die «Mutter» Sophie; Mändu (Urs Hofmann) und Päuli (Urs Welsch). · Bild: Liselotte Jost-Zürcher

11.12.2018
Emmental

«Da seid ihr ja, meine Buben!»

Als Mändu, Hänsu, Fritzli, Fredu, Peterli und Päuli eroberten sie 1968 im Franz Schnyder-Film «Die 6 Kummerbuben» Fernsehen und Kinos. Die Dreharbeiten fanden weitgehend in Rüegsbach und in Wasen statt. 50 Jahre später haben sich die «Kummerbuben» zusammen mit ihrer «Mutter» Sophie, der Schauspielerin Linda Geiser, getroffen. Die Initiative für diesen historischen Anlass kam von der neo1 Radio-Moderatorin Melanie Reinhard. Treffpunkt war die Schule Rüegsbach bei den 3./4. Klässlern.

Rüegsbach · «Da seid ihr ja, meine Buben! Endlich sehe ich euch wieder …» Linda Geiser stürmte in das vollbesetzte Klassenzimmer der 3./4. Klasse in Rüegsbach, umarmte vor Schülern, deren Begleitpersonen, Lehrkraft und Medien der Reihe nach «ihre» Buben, die «Kummerbuben» eben.
Längst sind sie allesamt gestandene Männer. «I ha aaständegi Söhn, die hei aui öppis Rächts glehrt», meinte ihre «Mutter». 1968 spielte Linda Geiser, die in Langenthal aufgewachsen ist, die Mutter Sophie Kummer. Während die Langenthalerin weiterhin steil ihre Schauspieler-Karriere hinaufstieg, verschlug es die Buben in unterschiedlichste berufliche Richtungen. Linda Geiser aber hatte sich als begnadete Schauspielerin schon damals einen Namen gemacht. Bis heute ist sie der Bühne treu. In den deutschen Medien wurde sie nebst vielem in «Lüthi und Blanc» bekannt. Sie wohnt in New York. Unter anderem um den Nachlass eines Bruders zu regeln, weilt sie gegenwärtig in der Schweiz. Und letzten Freitag dann also in Rüegsbach.

Dreharbeiten in Rüegsbach und Wasen
2018 ist das Jahr der Kummerbuben. 50 Jahre ist es her, seit sich der Burgdorfer Filmregisseur Franz Schnyder der Kummerbuben-Geschichte von der Langnauer Kinder- und Jugendbuchautorin Elisabeth Müller angenommen hat. Das gleichnamige Buch «Die 6 Kummerbuben» feierte 2017 sein 75-Jahr-Jubiläum. 1968 hat Franz Schnyder das Geschehen in die Nachkriegszeit versetzt.
Verfilmt hat er die Geschichte von den sechs Brüdern, die ihren Eltern in einer schweren Zeit finanziell unter die Arme greifen und gegen viele Widerwärtigkeiten anzukämpfen haben, in der Nähe seiner Heimat. Die meisten Aussenaufnahmen wurden in Rüegsau und Wasen gedreht.
Die neo1-Radio-Moderatorin Melanie Reinhard, die einst selbst in diesem Schulzimmer sass, hatte das historische Treffen nahe des einstigen Dreh-orts und dem Zuhause der Kummers, dem «Fluehüsli» in Rinderbach, initiiert. «Unmöglich» sei dies, wurde ihr zuerst mitgeteilt. Doch aufgeben gilt nicht – am letzten Freitag reisten neun ehemalige Darstellende nach Rüegsbach. Unter ihnen eben die sechs Kummerbuben, Mändu (Urs Hofmann), Hänsu (Jürg Dreier), Fritzli (Beat Schenk), Fredu (Heinz Hiltbrunner), Peterli (Uli Hager) und Päuli (Urs Welsch). Dann eben Linda Geiser, die «Mutter», Christine Baumgartner alias Klärli und, damals in einer weiteren Hauptrolle, der Jöggu (Daniel Ruch).Die Rüegsbacher 3.- und 4.-Klässler sind heute ungefähr in jenem Alter, in dem die sechs Herren vor Jahren die sechs Brüder spielten. Zusammen mit ihrer Lehrerin Susanne Wieland haben sie sich intensiv mit dem Film befasst, haben ihn abschnittweise geschaut, besprochen und fleissig Fragen an die Filmbrüder, den Jöggu und die Mutter gesammelt, um sich mit ihnen in die Zeit des Filmdrehs vor 50 Jahren und in die Zeit des Filmgeschehens in der Nachkriegszeit zu versetzen.
So lebte im Rüegsbacher Schulzimmer die aufregende Drehzeit neu auf. Jöggu etwa kam durch seinen Vater zur Rolle, der den Regisseur beruflich kannte. Daniel Ruch wusste vorerst nicht einmal, weshalb er sich bei Franz Schnyder vorstellen musste. Der damals 15-Jährige erfuhr später vom Vater knapp: «Mit dr nünte Klass isches de nüt, du chasch ä Fium dräie …».
Franz Schnyder wusste genau, was er wollte, knöpfte sich in der Region Burgdorf weitere Kinder vor, verhandelte mit deren Eltern und suchte schliesslich noch zwei weitere Knaben in Berner Schulen, die er aus 800 Bewerbern auswählte. Die Dreharbeiten dauerten rund vier Monate. Wann immer Wetter, Zeit und Umstände passten, wurden die jugendlichen Darstellenden zuhause abgeholt und an den Drehort gebracht. Eine Lehrerin, eine «alte Lehrgotte», sollte ihnen zwischen den Dreharbeiten verpassten Schulstoff beibringen. Ein Umstand, der sowohl Linda Geiser als die älteren unter den Darstellenden zum Lachen brachte. «Dir sit ere gäng ab», erinnerte sich «Mutter Sophie». Die grösseren Buben ersannen in den Drehpausen jegliche Ausreden, um der «Lehrgotte» auszuweichen. Die kleineren, die damals sieben- und achtjährigen Uli Hager und Urs Welsch, fanden sich mit den Speziallektionen ab.
Franz Schnyder war nicht nur Regisseur und Filmemacher, sondern ein «richtiger» sturer Künstler, der für alles seine Richtigkeit verlangte und weder mit Jung noch Alt «zimperlich» umging. «U wener de no die roti Chappe het annegha, de wou Mäu, das isch Alarm gsi. Denn het me si de müesse zämeriisse, süsch hets ghäscheret», erinnerte sich Daniel Ruch.
Nur die älteren Kinder mit den langen Rollen mussten diese dem Regisseur im Vorfeld der Dreharbeiten auswendig aufsagen. Tatsache aber war, dass sie dann meist zusammenhangslos kurze Filmteile spielen und sprechen mussten – nochmals, nochmals und noch einmal. So ertrugen die damaligen Kinder und Jugendlichen denn auch das eigentlich dramatische Geschehen der Geschichte gut. Am schwierigsten sei es gewesen, wenn sie weinen sollten. «Mit Sand rieb man uns die Augen rot, und um die Tränen darzustellen, wurde uns Wasser über Augen und Wangen geleert», entsinnt sich Jürg Dreier, alias Hänsu, der übrigens wie der Jöggu, Automechaniker wurde. «Eine Schauspieler-Karriere hätten meine Eltern nie toleriert.»
Nach den Dreharbeiten folgten die Synchronisierungsarbeiten im Studio. Das hiess, die Darstellenden mussten ihre Rollen fernab von allen Geräuschen draussen nochmals synchron sprechen. Das sei schwierig gewesen, blickten sie in Rüegsbach zurück.

Fan-Post beantwortet
Einhellig blickten alle zurück auf eine wunderschöne Zeit im Sommer/Herbst 1968, die sie ihr ganzes weiteres Leben begleitet hat und dies immer noch tut. Haufenweise Fan-Post traf bei den jungen Darstellern ein. Tischhoch stapelten sich zuhause die Briefe. «Ich habe alle beantwortet – jeden», sagt Heinz Hiltbrunner, alias Fredu.
«Haben Sie die Buben ins Herz geschlossen?», fragte ein Rüegsbacher Kind die Schauspielerin Linda Geiser. Für die Rolle sei sie eigentlich zu jung gewesen, stellt Linda Geiser fest. Deshalb habe der Regisseur verlangt, dass sie laut und fest rede. «Wenn ich den Film heute anschaue, finde ich es zu laut. Doch ich gewöhnte mich daran.» Aber: «Wir hatten es sehr, sehr gut zusammen, und, ja, ich hatte die Buben sehr gerne. Es blieben meine einzigen ‹Kinder›. Ich habe nie geheiratet und auch nie eigene Kinder gehabt.»

In der Rudi Carrell-Show
Lange Zeit habe sie sie aus den Augen verloren. Erst gut 20 Jahre später habe man sie in einer Rudi Carrell-Show mit «ihren Buben» überrascht. «Das war schön, sie alle sechs nebeneinander zu sehen.» Wie Pfeifenorgeln seien die damals erwachsenen Männer im deutschen Fernsehstudio gestanden und hätten sie strahlend erwartet.
Vor Millionen von Zuschauern fand das rührende und unverhoffte Wiedersehen statt.
Seither sind schon wieder 30 Jahre vergangen, und Silberfäden zieren nicht nur das volle, herrliche Haar von Linda Geiser. Die «Buben» selbst trafen sich einzeln hie und da, wohnen teils weit auseinander. Heinz Hiltbrunner etwa, alias Fredu, lebt in München. Noch aber sind sie in ihrer Geschichte vereint. Beat Schenk, alias Fritzli, ist die Zeit der Dreharbeiten gegenwärtig am aufzuarbeiten, sammelt Anekdoten und Bilder und wird daraus ein Buch zusammenstellen. Dazu gibt es auch die Homepage die-6-kummerbuben.ch.
Mit einem gemütlichen Apéro und einer spannenden Autogramm- und Fragestunde endete für die Rüegsbacher 3./4.-Klässler eine aufregende Zeit und ein noch viel aufregenderer Vormittag. Für die «Kummerbuben» und die anderen Mitwirkenden aber kam es noch zu einem inoffiziellen Comeback: Im «Fluehüsli» durften sie anschliessend unter sich Neuigkeiten austauschen und die Erinnerungen an eine für sie unvergessliche, wunderschöne Zeit aufleben lassen, «wo mer hei dörfe Schueu schwänze u üs gäng wider troffe hei».

Gut zu wissen
Die Aufnahmen zum Treffen von «Die 6 Kummerbuben» werden vom 17. bis 23. Dezember auf Radio neo1 ausgestrahlt. Auf der Homepage www.neo1.ch werden auch Bilder und Videoaufnahmen zu sehen sein.

Von Liselotte Jost-Zürcher

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