• Stefan Costa, Moderator der Podiumsdiskussion und Geschäftsführer Region Oberaargau (rechts), mit Peter Grünenfelder, Direktor Avenir Suisse. · Bild: Hans Mathys

26.02.2018
Langenthal

Die Zukunft bringt dem Werkplatz Schweiz Digitalisierung und Roboterisierung

«Ein Blick in die Zukunft des Werkplatzes Schweiz», so lautete der Titel der 21. Wirtschaftslandsgemeinde Oberaargau bei der Hector Egger Holzbau AG in Langenthal. Dabei strahlten die hochkarätigen Referenten Optimismus aus und begründeten diesen.

 

Zur 21. Wirtschaftslandsgemeinde Oberaargau konnte Daniel Arn als Präsident der Kommission Volkswirtschaft Region Oberaargau rund 100 Interessierte begrüssen – Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gemeinden inklusive Regierungsstatthalter Marc Häusler.

Prämierter Gastgeber
Arn übergab das Wort gleich an Michael Schär, dem stellvertretenden Geschäftsführer der Langenthaler Hector Egger Holzbau AG, Gastgeberin des Traditionsanlasses. Michael Schär stellte die Firma, die er zusammen mit seinem Vater (Geschäftsführer) leitet, mit einem Film vor, der die hohe Innovationskraft der Hector Egger Holzbau AG eindrücklich zeigte. Kein Zufall also, dass die Oberaargauer Vorzeigefirma von der Zürcher Kantonalbank (ZKB) diesen Monat als Hauptgewinnerin des KMU-Preises für nachhaltige Unternehmen erkoren worden ist.
Weshalb hat sich die Region Oberaargau fürs Thema «Ein Blick in die Zukunft des Werkplatzes Schweiz» entschieden? Grund: Der Werkplatz Schweiz ist mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Nebst dem starken Franken, der unsicheren Unternehmenssteuersituation und zunehmenden Regulierungen schreiten insbesondere Digitalisierung und «Industrie 4.0» laufend voran. Sind wir darauf vorbereitet? Welche Massnahmen gilt es zu treffen, damit die «Industrie 4.0» eine Chance und keine Gefahr ist? Wie bleiben die Arbeitsplätze in der Schweiz? Stimmen die politischen Rahmenbedingungen noch? Ist die Aus- und Weiterbildung zielführend ausgerichtet oder ersetzen intelligente Maschinen den Menschen künftig im grossen Stil?. (Anmerkung: «Industrie 4.0» bezieht sich auf die industrielle Fertigung. Der Begriff steht für die vierte industrielle Revolution und wurde erstmals im Jahr 2012 in Deutschland benutzt.)

Hochkarätige Referenten
Die Region Oberaargau hatte hochkarätige Referenten eingeladen, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Bereits der erste von Daniel Arn vorgestellte Referent strahlte viel Zuversicht aus: Remo Lütolf, Vorsitzender der Geschäftsleitung ABB Schweiz.
Er stellte die ABB als «innovative Technologieführerin» mit einem Konzernumsatz 2017 von 34,4 Milliarden Franken (davon in der Schweiz 2,8 Milliarden Franken) vor. «55 Prozent der Verkaufserträge stammen aus dem digitalen Sortiment», so Lütolf, der auf die Wichtigkeit der Technologie mit Forschung und Entwicklung hinwies und einen Zeitungsartikel aus der NZZ über die ABB mit dem Titel «Dank der Automatisierung kehrt die Industrie in die Schweiz zurück» kommentierte.

Roboter sind die neuen Mitarbeiter
Als Beispiel dafür nannte Lütolf die Wander AG: «Dank grosser Nachfrage und hohem Automatisierungsgrad in ihrem Werk in Neuenegg bei Bern konnte diese die Produktion des populären Brotaufstrichs aus Belgien in die Schweiz holen.» Lütolf zur Digitalisierung beim Fertigen in der ABB-Fabrik für Generatorschalter in Zürich-Oerlikon: «Alles in der Fabrik ist digital erfasst und vernetzt. Dies von einzelnen Werkzeugen, Komponenten und Subsystemen bis hin zu kompletten Anlagen.» Dank dem von der ABB entwickelten kollaborativen Roboter YouMe für die Kleinteilmontage könnten die Mitarbeiter gar keine Fehler machen – wie beispielsweise das Anziehen einer Schraube vergessen. Der Roboter würde dies gleich mit einer Fehlermeldung beanstanden. «Der Roboter ist unser neuer Mitarbeiter», so Lütolf, der darauf hinwies, dass die Bildung in der Schweiz das A und O sei. «Wir müssen die besten Mitarbeiter der Welt haben. Weil es in der Schweiz zu wenig gibt, müssen wir sie reinholen.»

«Jobwunder Schweiz»
Peter Grünenfelder, Direktor der in Zürich domizilierten Denkfabrik Avenir Suisse, sprach vom «Jobwunder Schweiz», zumal unser Land bei den sieben bewerteten Kriterien im OECD-Vergleich auf Rang 1 der 35 Länder liegt. Dabei stellte er – dies zur allgemeinen Verblüffung – fest, dass das Handelsvolumen mit der Schweiz von Baden-Württemberg mit 29,6 Milliarden Franken grösser ist als jenes von China (21,3 Milliarden Franken).
Der technologische Fortschritt schaffe Stellen, sagte Grünenfelder. Er begründete dies mit der starken Beschäftigungszunahme im digitalen Sektor. «Andere Länder holen aber auf, weshalb wir nicht untätig sein dürfen», warnte er und sprach den im Vergleich zu früher stark veränderten Arbeitsinhalt an. Markant zugenommen habe hier auch die Teilzeitarbeit – meist mit dem Ziel, Beruf und Freizeit unter einen Hut zu bringen.

Berufe, die verschwinden
Der Direktor der Avenir Suisse zählte auch Jobs auf, die es in der jetzigen Form eines Tages wohl nicht mehr geben werde: Kassierin, Reisebüroangestellte, Verkäuferin, Buchhändlerin und Dolmetscherin. Unter den «alten» Jobs, die es immer noch brauchen werde, seien Projektleiter, Produktmanager, Personalberater, Lehrer, Coiffeure, Handwerker und Chefs. Dazu würden auch neue Jobs entstehen. Grünenfelder sprach sich für eine jährliche statt wöchentliche Höchstarbeitszeit und generell für weniger Regulierungen aus. Neben der Neuregelung der Arbeitszeit sieht er dringenden Reformbedarf im Bildungswesen und beim Arbeitsstatus mit «selbstständigen Angestellten».

Für Theo Ninck, Vorsteher Mittelschul- und Berufsbildungsamt Kanton Bern, ist die Förderung des dualen Berufsbildungssystems wichtig. Die Digitalisierung sei heute bereits überall – selbst in der Backstube und im Keramikatelier. Neu sei die Geschwindigkeit der Veränderung.

Neue Berufe
Ninck zählte Berufe auf, die in den vergangenen zehn Jahren neu entstanden sind: Seilbahn-Mechatroniker, Automobil-Mechatroniker, Fachmann Kundendialog, Fachmann Bewegungs- und Gesundheitsförderung und Hotel-Kommunikationsfachmann. Lehrpersonen müssten vermehrt motivieren und «das Interesse sowie die Begeisterung für den Beruf wecken und eine gesunde Selbstüberzeugung mitgeben.»
Sebastian Friess, Leiter Standortförderung Kanton Bern, findet:«Punkto Digitalisierung sind die Firmen weiter, als wir meinen.» Es gäbe aber noch Unternehmen mit grossem Nachholbedarf. Für Friess ist die Digitalisierung «alternativlos».
Moderator Stefan Costa, Geschäftsführer Region Oberaargau, sprach Friess auf die vom Burgdorfer Willy Michel, Unternehmer für Medizinprodukte, geforderte Reduktion der Unternehmenssteuer an, zumal der Kanton Bern im Wettbewerb mit anderen Kantonen benachteiligt sei. Friess: «Mir wäre eine tiefere Unternehmenssteuer auch lieber. Die Steuern sind aber nur ein Kriterium von vielen und deshalb nicht allein massgebend für die Standortbestimmung.»
Der schweizerische Kantönligeist war auch bei der Podiumsdiskussion und Fragerunde ein Thema. Vom «obermühsamen» Kantönligeist war die Rede, worauf Friess bemerkte, dass hier hinter verschlossenen Türen diskutiert werde.
Ebenso ein Thema war die Bodenpolitik mit der Problematik des Baulandes für Firmen. Friess äusserte sich auch zur Papierfabrik Utzenstorf: «Bei deren Schliessung war der Kanton Bern nur Zuschauer, kein Player.» Immerhin sei nun eine gute, nachhaltige Lösung gefunden worden.

Grund zu Otimismus
Mit Optimismus blickte Remo Lütolf (ABB) in die Zukunft – der Digitalisierung wegen: «Das Wertschöpfungsvolumen wird langfristig sogar zunehmen.» Eine Votantin, die sowohl politisch als auch beruflich «am Ball» ist, fragte, ob eigentlich heutzutage auch Anstand, Freundlichkeit, Fleiss, Pünktlichkeit, Benehmen und Disziplin noch etwas gelten – trotz des dynamisierten Prozesses in der modernen Berufswelt.
Am Ende des 140-minütigen Anlasses ernteten die für die Wirtschaftslandsgemeinde Oberaargau Verantwortlichen sowie die kompetenten Referenten viel Applaus. Fazit: Zum Trübsal blasen gibt es keinen Grund – nicht einmal mehr der starke Franken – zu Optimismus hingegen schon.

Von Hans Mathys

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