• Mittlerweile wird vor dem Hindernis auch noch mit einer zusätzlichen Signalisationstafel gewarnt. · Bild: Leroy Ryser

21.12.2018
Region

Ein Dorfpfosten sorgt für rauchende Köpfe

In Rohrbachgraben steht an der Sossaugasse seit bald einem Jahr ein «Verkehrshindernis». Mittlerweile mehrfach wurde dieses aber entwendet, weshalb nun ein massives Betonelement die Verkehrsteilnehmer ausbremsen soll. Das geht zu weit, finden einzelne Einwohner und reklamieren öffentlich.

Rohrbachgraben · Es ist eine Geschichte, die wir hier erzählen, die zweifellos an einen Scherz zum ersten April mahnt. Zum Schluss dieses Textes wird aber keiner «April, April» schreiben oder rufen, vielleicht wird die Rohrbachgrabener Dorfposse aber dennoch weitherum zum Schmunzeln, ja gar zum Lachen animieren. Aber gehen wir der Reihe nach und beginnen von vorne: An der Sossaugasse steht seit zig Jahren ein alter Speicher, dessen Dachvorsprung über die Strasse reicht. Auf beiden Seiten dieser Achse wird davor gewarnt, dass ein Dachvorsprung gerade für höhere Fahrzeuge die Strasse verengt. Zusätzlich wird – auch wegen einzelner Häuser, die an dieser Gasse stehen – von 80 Kilometern pro Stunde auf 50 reduziert, damit das Hindernis frühzeitig erkannt und umfahren wird. So weit so gut.

Massiv statt leicht entwendbar
Nun steht seit bald einem Jahr unterhalb dieses Daches ein Verkehrshindernis, damit auch PW-Fahrer nicht mehr unter diesem Dachvorsprung hindurchfahren können und entsprechend ausweichen müssen. Das ist einzelnen Verkehrsteilnehmern offenbar sauer aufgestossen, wurde dieser gelb-schwarze Markierungspfosten gemäss dem Strasseninspektorat Emmental doch schon mehrmals zum Verschwinden gebracht. Die Konsequenz daraus: Seit ein paar Wochen hat ein massives Betonelement, an wärmeren Tagen wohl mit Blumenbeet, den Platz eingenommen. Beigelegt ist diesem «Pflanzkübel mit Bollensteinen» ein laminierter Brief vom Strasseninspektorat. Andreas Hofer schreibt darin, die Bevölkerung solle sich doch bei ihm melden, wenn sie das Gefühl habe, der Verkehrsleitpfosten sei für das Problem an dieser Stelle nicht die richtige Lösung, gerne würde er mit Beschwerde-Führern den Sachverhalt näher besprechen. Des Weiteren droht Hofer mit baulichen Massnahmen, sollte auch dieser Pflanzkübel entwendet werden, aus-serdem dürfe der Verkehrsleitpfosten innerhalb von einer Woche straffrei beim Pflanzkübel deponiert oder beim Strasseninspektorat abgegeben werden.

Vermeintlich vorhandene Übersicht
Für Paul Wüthrich aus Rohrbachgraben geht das endgültig zu weit. Er wendet sich direkt an Herrn Hofer und sendet auch dem «Unter-Emmentaler» seinen entrüsteten Brief als Kopie. Ein solcher Pfosten sei unnötig, gerade LKW-Fahrer seien geschult darin, auf solche Hindernisse achtzugeben, die Massnahme sei deshalb übertrieben, der Pfosten gar eine Gefahr. Am Telefon erklärt der verärgerte Bürger dann, dass dieses Hindernis keinesfalls der Sicherheit diene, sondern die Situation sogar verschlimmere. «Wer von Rohrbach auf dieser Strasse entlang fährt, hat das Gefühl, er sehe, was entgegen kommt. Das stimmt aber nicht, die Übersicht ist nicht gewährleistet.» Dies wird nun zum Problem, weil man die Kurve nicht mehr ausfahren kann, sondern dem Kübel ausweichen und in die Strassenmitte hineinfahren muss. Auch seine Mitbürger seien sich einig, dieses Verkehrshindernis sei gefährlich, weil es das Kreuzen erschwert und weil es zu schlecht signalisiert sei. Im Brief schreibt er derweil, dass er selbst den Pfosten «leider» nicht geklaut habe und ein anderer ihm zuvorgekommen sei, zugleich schreibt er zuletzt als Vorschlag, dass sogar eine 30er-Zone nötig sei, um tatsächlich die Sicherheit beim Kreuzen zu garantieren. Dass ausgerechnet am Morgen unseres Telefonats mit Herrn Wüthrich zusätzlich ein Signal «Stras-senverengung» aufgestellt wurde, mache die Situation immerhin ein bisschen besser, findet Paul Wüthrich. Gelöst sei das ganze Problem aber immer noch nicht wirklich.

Vorsprung mehrmals beschädigt
Beim Betrachten der zugegebenermassen selten befahrenen Strasse zeigt sich dann, dass die Einwände von Paul Wüthrich nicht ganz unbegründet sind. Immerhin ist die Übersicht an dieser Stelle tatsächlich nur vermeintlich vorhanden, weil Autos von der Gegenseite direkt aus einer 80er-Zone «geschossen» kommen. Erst beim Telefonat mit dem Strasseninspektorat zeigt sich dann aber die ganze Posse um den Dorfpfosten. Georges Troxler, der für den abwesenden Andreas Hofer freundlich Auskunft erteilt, erklärt, dass nicht zuletzt die Eigentümerin froh über dieses Hindernis ist. «Bereits mehrmals wurde dieser Vorsprung von vorbeifahrenden Fahrzeugen abgeräumt. Sie hatte es satt, diesen immer wieder zu reparieren.» Weil das Strasseninspektorat zudem nicht «jede Woche den Pfosten ersetzen will», stehe nun eben ein massives Element an dieser Stelle, meinte Troxler etwas überspitzt. Zudem bestätigt er, dass nach dem Eintreffen des Briefs von Herrn Wüthrich, just diese Woche, ein zusätzliches Signal (Strassenverengung) aufgestellt wurde.

Speicher ist denkmalgeschützt
Die ganze Geschichte wäre jedoch nur halbwegs so interessant, wäre nicht die letzte Information von Georges Troxler vorhanden. Er sagt: «Die Eigentümerin würde den alten Speicher am liebsten entfernen lassen. Dieser ist bereits in einem schlechten Zustand.» Dies darf sie jedoch nicht, weil der alte Speicher von der Denkmalpflege geschützt wird. «Die Denkmalpflege hat einer Verschiebung zugestimmt, diese würde jedoch unverhältnissmässige Kosten von zigtausend Franken verursachen», so Troxler weiter.
Wie es nun im unterhaltsamen «Theaterstück» um den Rohrbachgrabener Dorfpfosten weitergeht, ist derweil schon klar: Andreas Hofer hat der Bevölkerung Gesprächsbereitschaft signalisiert und steht zu diesem Vorschlag. Georges Troxler verrät, dass im nächsten Jahr ein Zusammentreffen geplant ist, um den Ärger gemeinsam zu beseitigen. Dass der Pflanzenkübel dabei aus dem Weg geräumt wird, ist unwahrscheinlich. Vielleicht aber – wer weiss – wird am nächsten ersten April jemand für den abschliessenden Scherz sorgen. Derjenige könnte nämlich statt dem Pfosten, beim nächsten Mal den Speicher mitnehmen ...

Von Leroy Ryser