• Mit viel Freude leistet Josia Berger einen siebenmonatigen Zivildiensteinsatz im Alterszentrum Sumiswald, sumia. · Bild: Liselotte Jost-Zürcher

04.06.2018
Region

«Es braucht manchmal viel Fingerspitzengefühl»

Noch bis Ende Juli arbeitet Josia Berger im Alterszentrum Sumiswald, sumia. Der 19-Jährige aus Wasen ist kein «gewöhnlicher» Angestellter; er absolviert hier während insgesamt sieben Monaten einen Zivildiensteinsatz und blickt dabei in eine für ihn völlig neue Welt. Seine Unterstützung in der Wohngruppe für Menschen mit Demenz ist für alle ein grosser Gewinn – auch für ihn selbst.

Sumiswald · Anstatt Militärdienst leistet Josia Berger Zivildienst. «Ich möchte etwas Sinnvolles leisten für die Gesellschaft und in der Gesellschaft», sagt er im Gespräch mit dem «Unter-Emmentaler». Junge Menschen können anstelle des Militärdienstes einen zivilen Dienst leisten. Die Dauer dieses Dienstes beträgt für Stellungspflichtige, Rekruten und Soldaten das Anderthalbfache des noch zu leistenden Militärdienstes. Die Einsätze sind in eigener Verantwortung zu planen; die Zivildiensttuenden können über Termin, Dauer, Ort und Art frei entscheiden, müssen aber jährlich einen Einsatz absolvieren, einer davon mindestens sechs Monate lang.
Die «Zivis» können sich in vielen unterschiedlichen und interessanten Bereichen in zivilen Organisationen wie Caritas, Greenpeace, Spitäler oder Jugis, aber auch in Gastronomie- und Dienstleistungsbetrieben für einen Einsatz bewerben. Auf einer vom Zivilschutz zur Verfügung gestellten Plattform finden sie freie Stellen.

Erste Erfahrung im sozialen Bereich
Für Josia Berger, der auch gerne Fussball spielt und seit kurzem die Junioren des SV Sumiswald trainiert, war es recht schnell klar, dass er sich in sumia bewerben wollte.
«Es ist meine erste Erfahrung im sozialen Bereich. Wenn es nicht geklappt hätte, hätte ich mir auch einen Einsatz in einer Kita oder in einem Asylzentrum vorstellen können.»
So nahm er denn im Januar die Arbeit im Alterszentrum in der Wohngruppe für Menschen mit Demenz auf – und fand sich in einer für ihn völlig neuen Welt wieder.
«Ich hörte immer, dass Menschen mit Demenz alles vergessen. Aber wie viel dies nach sich zieht habe ich erst in den letzten Monaten erlebt. Ebenso habe ich erfahren, dass jeder Mensch etwas aus seinem Leben abrufen kann. Es braucht manchmal viel Fingerspitzengefühl, ihn dazu zu bringen.»
Als wertvolle Unterstützung für das Personal hilft Josia Berger in der Betreuung, beim Essen schöpfen, beim Essen eingeben und auch in der Pflege, so etwa beim Umlagern. Oder er spieltund spricht mit den Leuten. Nie hätte der junge Mann, der im letzten Sommer seine Matura abgeschlossen hat, geahnt, wie kopflastig und anstrengend diese Arbeit ist.

Sehr gut hinhören
«Man muss sehr gut hinhören können, muss versuchen zu verstehen obwohl sich der betroffene Mensch vielleicht sprachlich nicht mehr ausdrücken kann.» Und zuweilen könne der Umgang mit den Betroffenen sehr nahegehen. «Es gelingt mir eigentlich gut, abends abzuschalten. Aber manchmal beschäftigt mich etwas auch länger. Etwa wenn ein Bewohner sagt, dass er lieber gar nicht mehr leben möchte, dann tut mir dies sehr leid. Oder wenn sich jemand eingesperrt fühlt, lieber nachhause zurück möchte und dies nicht mehr tun kann.»
Dabei aber spürt Josia Berger, wie wertvoll sein Dabeisein, sein Zuhören für die betroffenen Menschen ist. «Es tut ihnen gut, begleitet zu werden, und mir bereitet es Freude. Ich kann mir auch die Zeit dazu nehmen, was dem Personal nur beschränkt möglich ist.»
So erinnert er sich an einen Bewohner, der eines Tages sehr unruhig war, «hinaus» wollte, obwohl er sich im Garten frei bewegen konnte. So ging er denn mit dem Mann spazieren. Dieser blühte dabei sichtlich auf, freute sich riesig und lief in Josia Bergers Begleitung solange durch sein geliebtes Sumiswald und durch bekannte Strassen, bis er richtig müde war. «Die Freude des Mannes hat mich sehr berührt.»
Der Zivildienst im Alterszentrum habe schlussendlich auch den Entscheid beeinflusst, ab September das Studium für Sozialarbeit und Sozialpolitik an der Universität in Freiburg in Angriff zu nehmen.
Er werde die Zeit in sumia gerne in Erinnerung behalten, werde sich wohl auch für die nächsten Zivildiensteinsätze wieder nach einer sozialen Arbeit umsehen. «Ich möchte noch andere Erfahrungen sammeln.» Hauptsache sei für ihn, mit Menschen arbeiten zu dürfen – mit älteren, aber auch mit jüngeren.

Einsatzplanung
Mit der Zulassung zum Zivildienst verpflichtet sich der Diensttuende, den Zivildienst gemäss den gesetzlichen Regeln zu leisten. Mit dem Zulassungsentscheid wird ihm mitgeteilt, wie viele Diensttage er in welcher Frist zu leisten hat. Als Zivi hat er die Freiheit, seine Einsätze selbstständig zu planen. Er sucht sich über das Dienstleistungsportal des Zivildienstes E-ZIVI (www.ezivi.admin.ch) geeignete Einsätze, bewirbt sich beim betreffenden Einsatzbetrieb und vereinbart gemeinsam mit diesem den Einsatz.

Von Liselotte Jost-Zürcher

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