• Anna Siegenthaler – glücklich seit fast drei Monaten am Fuss des Matterhorns. · Bild: ljw

24.12.2018
Emmental

Glücklich auf der Walz

Anna Siegenthaler aus Ranflüh hat letzten Sommer im Coop Sumiswald ihre Lehre als Detailhandelsfachfrau abgeschlossen. Jetzt arbeitet sie mit viel Begeisterung und Freude in Zermatt. Aber nicht mehr lange, dann geht für sie diese schöne Zeit schon wieder zu Ende. Vorher war sie in Leimbach ZH und in Romanshorn. Die nächste Station wird St. Moritz sein. Anna Siegenthaler gehört zur ersten Gruppe von Lehrabgängern, die ein Coop Wanderjahr absolvieren dürfen.

Ranflüh · «Als ich in Sumiswald erfuhr, um was es beim Coop Wanderjahr geht, da wusste ich: Das Angebot ist explizit für mich gemacht», strahlt die junge Berufsfrau in Zermatt, am Fusse des Matterhorns, um dessen Spitze sich an jenem kalten Vormittag weisse Wölkchen schmiegten. Eher zufällig kam Coop auf die Idee, die besten Lehrabgänger auf die Walz zu schicken. Natürlich nur, wenn diese selbst es wollten. In einer Autobahnraststätte wurde der Leiter der Verkaufsregion Zürich von einer jungen Frau, die sich auf der Gesellenwanderung befand, angefragt ob er sie mitfahren lassen könnte. Konnte er nicht, denn sein Weg führte in die entgegengesetzte Richtung. Aber die Idee, «seinen» jungen Lehrabgängern ein Wanderjahr zu ermöglichen, war geboren. So wurden die zwölf besten Lehrabgänger aus allen fünf Coop Verkaufsregionen angefragt, ob sie sich dafür interessieren würden.
Wo mehr als zwei von ihnen Interesse zeigten, mussten sich die jungen Berufsleute bewerben. Anna Siegenthaler, die im Coop Sumiswald nach der Ausbildung zur Gärtnerin die Zweitlehre als Detailhandelsfachfrau absolvierte, hatte diesbezüglich keine «Konkurrenz». Mit riesiger Begeisterung fuhr sie zum ersten Informationstag und nahm zum zweiten gleich noch eine Kollegin mit, welcher es den Ärmel ebenfalls «hineinzog». Ihre Kollegin entschied anschliessend, ebenfalls mitzumachen.

Zuhause loslassen
Im August zog die erste «Wandergruppe» los. «Es war speziell, einfach alles zurückzulassen – die Freunde, die Familie, das Zuhause, und an Orte zu gehen wo man keinen Menschen kannte. Aber ich liebe die Schweiz und wusste augenblicklich, dass ich die Chance nutzen wollte, sie zu entdecken», sagt die fröhliche junge Frau im Gespräch mit dem «Unter-Emmentaler». Die Bedingungen seien genial, stellt sie fest. Die Teilnehmenden können die Arbeitsorte selbst wählen. Je zwei Monate müssen jedoch in der Westschweiz oder im Tessin absolviert werden, «damit wir die Sprachen nicht umgehen können».
Möglichst wenig nachhause fahren, grundsätzlich den ÖV benützen, das waren weitere Vorgaben. Theoretisch könnten die jungen Leute von Ort zu Ort ziehen und in der jeweiligen Coop- Verkaufsstelle anheuern, ohne sich vorher zu melden. Die Coop Filialen müssen keinen Stundenlohn bezahlen. Den Lohn erhalten die «Wandervögel» von der Coop Verkaufsregion, aus welcher sie stammen.
Anna Siegenthaler allerdings zieht es vor, sich jeweils frühzeitig bei ihrem nächsten «Arbeitgeber» zu melden. «So kann er die Arbeitspläne entsprechend anpassen.» Denn dass sie zupackt ist für sie selbstverständlich.
Es ist der dritte Monat, den sie in Zermatt, verbringt. Im August war sie in Leimbach ZH, im September in Romanshorn. Überall gefiel es ihr ausgezeichnet. In der Freizeit wanderte sie durch die jeweilige Gegend, erforschte zu Fuss jeden möglichen Winkel. Dann eben folgte im Oktober Zermatt. «Diese Walliser – ich mag sie so sehr und sie mögen mich», lächelt sie. Dem Oktober folgte der November, dem November der Dezember … An Silvester wird die Emmentalerin hier «den Letzten» haben. «Es wird mir weh tun, zu gehen. Anderseits freue ich mich sehr, auch andere Winkel der Schweiz zu entdecken.»
Sie sei hier überaus herzlich und liebevoll aufgenommen worden. «Die Walliser sind so offen und fröhlich, ich mag das.» Anna Siegenthaler arbeitet im Gemüserayon. Bereits am zweiten Arbeitstag überliess man ihr die Bestellungen. Das war für sie zwar ein Sprung ins kalte Wasser, «aber das Vertrauen freut mich sehr.» Schnell hat sie festgestellt, dass sich in den Verkaufsstellen sowohl die Teams als auch die Kundschaft unterscheiden. Während es in Leimbach und Romanshorn mehr Stammkundschaft gab, hat es in Zermatt vor allem Touristen.

Eine unglaublich gute Erfahrung
«Das ist eine unglaublich gute Erfahrung, auch für später. Denn man muss sich immer wieder anpassen, muss sich in den Teams mit anderen Charakteren auseinandersetzen. Man lernt, Menschen nicht zu werten, sondern sie so zu nehmen, wie sie sind.» Dazu würden die Telefonate mit den andern «Wandervögeln» kommen. «Wir tauschen uns häufig aus.»
Zermatt sei speziell. «Es ist ein verhältnismässig kleiner Coop, aber hier arbeiten 37 Angestellte, deutlich mehr als für diese Filialgrösse sonst üblich ist. Der Umsatz pro Fläche ist im Vergleich zu anderen Filialen überdurchschnittlich hoch.»
Entsprechend sind die Angestellten froh, dass Anna Siegenthaler auf den Beginn der Hochsaison zu ihnen gestossen ist. Aus 15 Nationen stammen sie. Das gefällt ihr: «Ich arbeite gerne mit ausländischen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Sie sind meistens sehr aufgeschlossen, und es ist lustig, wenn man sich manchmal mit Zeichen oder mit Hilfe anderer verstän-digen muss.» Die «Wandervögel» müssen oder dürfen sich an ihren Einsatzorten selbst organisieren, sind auch für die Übernachtungsmöglichkeit besorgt. Wählen sie eine Jugendherberge, wird dies von Coop zusätzlich unterstützt. Anna Siegenthaler zieht «airbnb» vor. «Man sagte mir, wenn ich in Zermatt nichts Geeignetes finden würde, würde mich bestimmt jemand aus dem Team beherbergen. Darauf wollte ich es nicht ankommen lassen, aber heute denke ich, dass es tatsächlich kein Problem gewesen wäre.»

Ein Versuchsjahr
Die Fünfer-Gruppe der Lehrabgänger, die das Coop Wanderjahr absolvieren, sind «Versuchskaninchen», wie Anna Siegenthaler lachend sagt. «Aber ich hoffe, dass Coop das Projekt weiterziehen wird, denn dieses hat für die jungen Menschen, die sich darauf einlassen, einfach wirklich nur Vorteile.»
Ja, in Zermatt fühlt sie sich zuhause. In ihren Emmentaler Dialekt mischt sich zuweilen schon ein «Walliser»-Wort. «Mir chöi löife», meint sie, als das Foto-Shooting am Fusse des Matterhorns angesagt ist. Atmet tief durch und meint: «Hier nach Zermatt kommen Tausende Menschen aus aller Welt. Sie wollen unsere schöne Schweiz sehen. Als uns letzthin der Coop Geschäftsleiter Joos Sutter besuchte, fühlte ich, wie stolz es mich macht, hier arbeiten zu dürfen.»
Nach Silvester wird die junge «Fröi» (das ist echter Walliser-Dialekt) nach St. Moritz ziehen. Später folgen Genf, Neuenburg, das Berner Oberland und im Frühsommer das Tessin. Darauf freue sie sich «öi». Aber – Zermatt könnte rufen. Und wohl nicht nur Anna Siegenthaler selbst könnte sich im nächsten Sommer eine Rückkehr, sprich eine feste Stelle am Ort, den sie so liebt, vorstellen. «Miiner» Walliser würden sie mit offenen Armen aufnehmen.

Von Liselotte Jost-Zürcher

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