• Das Geigenspiel ist Deborah Burris Welt – von klein auf faszinierte sie das Instrument mit den herrlichen Tönen. Dank ihrem Talent und viel Übung erzielte sie schon beachtliche Erfolge. · Bild: Liselotte Jost-Zürcher

23.02.2017
Huttwil

Hohes Ziel und ein langer Weg

Jedes Jahr geniesst die Huttwiler Familie Burri zusammen mit ihren Verwandten das Neujahrskonzert am Fernsehen. Niemand hätte geglaubt, dass diese Tradition die Tochter Deborah besonders prägen würde. Als 5-Jährige entdeckte sie ihre Liebe zur Geige; mit Sieben stand sie beim Geigenbauer und holte ihre kleine «Achtel-Geige» ab. Heute hat die talentierte Gymnasiastin ganz klar eine musikalische Laufbahn eingeschlagen.

«Ich liebe sie; ich liebe sie so», strahlt Deborah Burri, als sie ihre Geige hervorholt, sie stimmt und dann den Bogen ansetzt. Sie, ihr Instrument und der Bogen sind eins. Auswendig, fehlerlos, virtuos und mit viel Empathie spielt sie aus Mozarts «Violinkonzert in B-Dur KV 201». Mozart ist ihr Lieblingskomponist: «Keiner sonst hat so lebhafte Musik wie er», stellt Deborah beim Besuch des «Unter-Emmentaler» fest.
Freimütig erzählt sie aus ihrem Leben. lhre ganze Familie unterstützt ihre musikalischen Fortschritte nach Kräften – und hilft auch mit, wenn es um das Verzichten geht. Denn für Deborah ist das Geigenspiel wichtiger als etwa Ferien, freie Wochenenden, der Besuch von Festen oder anderen «Ab-lenkungen».

Schritt für Schritt
Knapp fünf Jahre alt war sie, als sie während dem Neujahrskonzert am Fernsehen fühlte: «Ich möchte eine Geige haben, möchte ebenfalls so herrliche hohe Töne spielen können, möchte später auf einer grossen Bühne stehen und die Menschen beglücken.» Auch das Cello hat ihr gefallen.
Zwei Jahre später war es so weit. Sie entschied sich für die Geige («die hohen Töne faszinierten mich mehr als die tiefen») und startete mit ihrer Ausbildung in der Musikschule Langenthal. Vorher ging sie mit ihrer Mutter zum Geigenbauer. «Da lagen sie – die schönsten Geigen mit wunderbaren Ornamenten. Aber der Geigenbauer fragte gar nichts, holte mir einfach eine Achtel-Geige hervor. Eine ganz kleine.»
Trotz der kleinen Enttäuschung begann Deborah Burri zu Hause gleich zu spielen. Hie und da schaut sie sich das kurze Video an, das damals gedreht wurde. «Meine Bogenhaltung – einfach schrecklich!», lacht sie.
Nun, die Haltung brachte ihr die Lehrerin in der Musikschule Langenthal schnell bei. Nach den ersten ungewöhnlich schnellen Fortschritten erklärte ihr Deborah, dass sie Musikerin werden und auf der grossen Bühne stehen wolle. «Dann hast du einen weiten Weg vor dir», war der Bescheid. «Zwei Jahre», dachte sich Deborah.
Seither sind es acht Jahre. «Ich musste lernen, dass ich zwar bei regionalen Wettbewerben meistens die Beste war. Aber dann zeigten mir meine Eltern Videos von grossen Geigenspielerinnen und -spielern. Das half mir, zu relativieren und Schritt für Schritt vorwärts zu gehen.» Sie vertraute ihrer Lehrerin Ursula Kohler, die unerbittlich an Etüden festzuhalten pflegte, bis diese wirklich so klangen wie sie sollten. Dann erst kam das nächste, schwierigere Stück.

Ein erstes grosses Ziel erreicht
Das tägliche intensive Üben, oder vielleicht noch mehr das Talent des Mädchens, forderte seinen Zoll. Deborah Burri, die keine Geschwister hat, hatte während der Volksschulzeit kaum Gespielinnen oder Freundinnen. Ihre Welt der Musik war den gleichaltrigen Kindern fremd. «Die Geige war meine Freundin, mit ihr fühlte ich mich wohl.» Sie wechselte im Laufe der Jahre von der Achtel- zur Viertel- und dann zur Halben Geige.
Mit 12 Jahren war es soweit: Das junge Talent stand einmal mehr im Geschäft des Geigenbauers Stephan Schürch in Burgdorf. Endlich, endlich durfte sie ihre eigene grosse Geige auslesen. Da lagen 12 nebeneinander – eine schöner als die andere. «Aber die erste, welche ich spielte, blieb diejenige, die ich wählte.» Schwieriger sei es jedoch gewesen, den richtigen Bogen zu finden. «Ich testete 20 oder noch mehr, bis ich wusste: «Dieser ist es.»

Lange Tage
Deborah und damit auch ihre Eltern verzichteten in den letzten acht Jahren weitgehend auf Ferien; Mutter und Vater wollten ihre Tochter auf ihrem anspruchsvollen Weg nicht bremsen. Skilager bedeuteten für das Mädchen stets ein erhöhtes Risiko; sie verzichtete dann auch gleich darauf, wenn ein Wettbewerb kurz bevorstand. «Das Geigenspiel ist mir wichtiger. Würde ich mich verletzen, könnte ich wochenlang nicht üben.»
Zwei Stunden täglich – neben dem Gymnasium eine riesige Herausforderung. Wann immer es der Stundenplan erlaubt, nimmt Deborah die Geige mit in die Schule, um in den Freistunden üben zu können. Nach Möglichkeit schliesst sie das Instrument ein, oder sie bringt es zu den Grosseltern, die in Langenthal wohnen. Oder sie nimmt es von Lektion zu Lektion mit. «Meine Kolleginnen und Kollegen helfen mir dann beim Schleppen von Büchern, Ordnern und Unterlagen. Bloss nicht die Geige – die trage ich immer selbst.» Abends heisst es wieder üben bei den Grosseltern, und wenn sie spät nach Hause kommt, gilt es noch Aufgaben zu erledigen.
Ein anspruchsvolles Leben. «Ich versuche, trotzdem genügend zu schlafen und mich draussen zu bewegen.» Letzteres verschafft sie sich bei ihren Gängen mit dem Hund Naro. Aber die Prioritäten sind gegeben: «Bei mir kommt die Musik immer an erster Stelle. ln der Freizeit, aber auch in der Schule. Beim Geigenspiel will ich sehr gut sein, im Musikfach ebenfalls dort ist die Note 5,5 für mich das Minimalziel. Daneben bin ich froh, wenn ich überall ‹düre chume›», meint sie.
Seit dem Schuljahr 2016/17 wird in Zusammenarbeit mit der Musikschule Langenthal ein Talentförderprogramm für Gymnasiasten angeboten. Deborah ist somit eine der ersten Schülerinnen, welche von diesem Angebot profitieren kann. In einzelnen Lektionen erhält die kleine Gruppe eine spezielle Förderung. Das finde sie super, «aber leider bin ich die einzige Geigenspielerin.» Deborah Burri strebt ein Musikstudium an. Doch schon vorher ändert ihre musikalische Ausbildung. Aktuell finden Abklärungen für einen Übertritt an die Hochschule der Künste in Bern statt.

Freude bereiten
An diversen Wettbewerben, auch gesamtschweizerisch, konnte sie bereits beachtliche Erfolge verzeichnen. Seit kurzem spielt sie ihr erstes grosses Mozart-Werk, aus welchem sie dem «Unter-Emmentaler» eine Kostprobe vermittelte. Aber auch Ausschnitte aus Werken von Paganini und anderen grossen Komponisten. Sie strahlt. «Ich liebe es ...». Es entschädige sie für alle Anstrengungen.
Manchmal, an warmen Tagen, spielt sie draussen auf dem Balkon. Dann treten Nachbarn aus ihren Häusern, hören ihr zu. «Es macht mich glücklich, Menschen mit meiner Musik eine Freude zu bereiten.»
Deborah Burri stammt nicht aus einer Musikerfamilie; niemand ausser ihr spielt Geige, und niemand hat auch nur annähernd eine Musiklaufbahn angestrebt und hingelegt. Trotzdem weiss sich das junge Talent in jeder Hinsicht von seiner Familie getragen. Das mache sie glücklich, sei nicht selbstverständlich. Sie hält aber fest: «Ich wurde nie gefordert oder aufgefordert. Alles was ich tue, tue ich aus meinem eigenen Bedürfnis heraus.»

Grosse Träume
Aus dem kleinen Mädchen, das einst vom Geigenspiel träumte, ist eine junge Frau mit einem beachtlichen Talent und Fähigkeiten geworden.
Heute träumt sie von der Weltbühne, wo sie im schönen Kleid («wie eine Prinzessin») spielt – entweder vorne auf der Bühne oder im Orchester hinter grossen Könnern wie André Rieu oder anderen berühmten Musikern. «Möglichkeiten habe ich viele!», ist sie überzeugt.

Von Liselotte Jost-Zürcher

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