• David von Ballmoos ist seit der letzten Saison der Keeper des amtierenden Super League Meisters BSC Young Boys. Am Sonntag beginnt das Projekt Titelverteidigung. · Bild: Leroy Ryser

16.07.2018
Sport

«Ich bin ein ganz schlechter Verlierer»

BSC Young Boys: David von Ballmoos – David von Ballmoos hat im letzten Sommer sein erstes Spiel für die NLA-Mannschaft der Berner Young Boys absolviert. Seither lebt er seinen Traum vom Profifussballer. Der Nummer-Eins-Torwart des Schweizermeisters will zwar realistisch bleiben, aber auch träumen: Einem Engagement in einer grossen Liga im Ausland wäre er zu einem späteren Zeitpunkt nicht abgeneigt.

 

Fussball · Ganz idyllisch ist David von Ballmoos aufgewachsen. Auf einem Bauernhof auf der Lueg. Selbst auf diesem ruhigen Landfleck, anderthalb Stunden von der Hauptstadt entfernt, gab es für ihn immer vor allem einen Verein: YB. Ein Traum sei das immer schon gewesen, für die Berner Fussball zu spielen. Und plötzlich konnte sich dieser Traum ungeahnt entwickeln. Gestartet hat Von Ballmoos seine Karriere beim Koppiger SV, ganz früh noch als Feldspieler, rückblickend sei das aber kaum ernsthaft gewesen. Als sein Teamgspänli im Tor aufgrund seiner Grösse zu viele Tore kassierte, wollte er es selbst versuchen. Den Weg zurück aufs Feld hat er daraufhin zum Glück nicht mehr gefunden.
Es folgte ein steiler Karriere-Aufstieg mit einem ersten Einsatz für Gelb-Schwarz als U-14-Junior im Jahr 2007. Innert Kürze wechselte er die Schule und besuchte fortan eine Sportförderklasse in Bern, sodass er den Tag hindurch in der Hauptstadt verbrachte und abends auf den Bauernhof zurückkehrte. Stolz sei er damals gewesen. Mancher von seinen ehemaligen Teamkollegen hätten gerne das gleiche getan, geschafft aber hat nur er den grossen Schritt. Von seiner privilegierten Situation wusste er schon damals, sagt er heute. Doch selbst in dieser Zeit war ihm lange nicht klar, was genau passiert. «Fussball habe ich nie als Beruf angesehen. Das Geldverdienen war in diesem Zusammenhang gar nie ein Thema für mich.» Das Hobby bereitete ihm Freude, sodass er es «einfach nur genoss». Erst als er plötzlich einen Profivertrag unterschreiben durfte, war ihm klar: Der Traum vom Fussballprofi ist ganz nah.

Beim Verlieren wird er «hässig»
Geholfen hat ihm sein grosser Ehrgeiz. «Ich kann einfach nicht verlieren. Auch wenn es nur ums Uno-Spielen geht», sagt er selbst. Dabei habe er aber nicht etwa ein Problem mit dem Gegner, sondern vielmehr mit sich. «Ich kann es akzeptieren, wenn ein Gegner besser ist. Aber nicht, wenn ich selbst nicht besser bin.» Rasch werde er deshalb «hässig» und unzufrieden, weshalb er in letzter Zeit lernen musste, diese Emotionen in den Griff zu bekommen. Heutzutage zeige er seinen Frust gegen aussen immer weniger, zugleich versichert er aber: «Noch heute brodelt es in mir – bei jeder Niederlage.»
Diese Eigenschaft gehört zu ihm. Im Guten wie auch im Schlechten. Sie hat ihn weit gebracht. Dadurch hat der 23-Jährige einen unvergleichbaren Ehrgeiz entwickelt, der ihn antreibt, stetig bessere Leistungen zu bringen. Seit etwa zweieinhalb Jahren nutzt er diesen Charakterzug auch gemeinsam mit einem Mentaltrainer. «Heute weiss ich, dass auch das Verlieren dazugehört. Aber man muss sofort wieder aufstehen», sagt er mit einem Lachen auf den Lippen. Nur zu oft soll es nicht passieren.

Perfekter Start in Bern
Am 22. Juli erlebte David von Ballmoos schliesslich sein erstes grosses Highlight. Das Startspiel als YB-Torhüter – und dies gleich noch zu Hause gegen den Serienmeister aus Basel. «Ein perfekter Einstieg», sagt Von Ballmoos heute, auch weil er im Rückblick auf das Resultat stolz sein kann. YB gewann mit 2:0, als neuer Torhüter hielt er seinen Kasten erfolgreich sauber. «Das Schlimmste war die Zeit vor dem Spiel im Hotel, als es ruhig war und nichts passierte. Da hatte ich Zeit für Gedanken. Und da habe ich mir dann viele Szenarien ausgemalt», erinnert er sich. Als die Partie dann aber näher rückte, war die Konzentration viel mehr im Vordergrund und die Nervosität bald schon kein Thema mehr. Die Mannschaft habe ihm zudem sehr geholfen bei seinem Debüt. Und letztlich «musste ich den Fussball ja auch nicht neu erfinden. Ich habe nur getan, was ich schon seit Jahren tat.» Die Ruhe, die er in Interviews und Gesprächen ausstrahlt, beweist er seither im Strafraum immer wieder. Schon nach kurzer Zeit hat er Bern mit seiner bodenständigen, freundlichen Art begeistert.

«Ich wollte kein Opfer sein»
Nur aufwärts ging es aber auch bei David von Ballmoos nicht. Kurz bevor die Rückrunde startete verletzte sich der Torhüter an der Schulter, musste operiert werden und verpasste damit den zweiten Teil der Berner Meistersaison. «Im ersten Moment war ich enorm traurig. Das hat mich wirklich beschäftigt», erinnert sich Von Ballmoos. In der Folge sei es für ihn sehr wichtig gewesen, das Ganze richtig zu verarbeiten. Er habe sich Zeit genommen und die Situation analysiert. «Man darf auch einmal traurig sein. Und manchmal ist es auch gut, wenn man sich wieder nach oben kämpfen muss.» Rasch sei ihm klar gewesen, dass er sich nun fünf Monate lang in der Opferrolle sehen könnte, aber das wollte er nicht. «Jetzt erst recht» war deshalb die Devise, um aus dem ganzen Prozess gestärkt hervorzugehen. «Fünf Monate lang das arme Opfer zu sein behagte mir nicht. Aber diesen Punkt muss man erst finden, an dem man wieder 100 Prozent geben und alles hinter sich lassen kann.» Gerade einfach war das nicht, schliesslich hat YB in der Zeit ohne ihn auch noch den Titel gewonnen, verständlicherweise wäre er da nur zu gerne selbst auf dem Feld gestanden. «Mir war es in dieser Phase wichtig, dass ich mich trotz meiner Verletzung ehrlich über die Erfolge freuen kann. Auch damit habe ich mich beschäftigt und rasch bemerkt, dass es mir besser geht, wenn ich meine Situation annehme und nicht alles überspiele.» Wahrlich sei der Prozess an manchen Tagen schwieriger gewesen, an anderen Tagen einfacher. Rückblickend habe abermals sein Ehrgeiz geholfen, wieder an die Spitze zu finden. Heute kann er sagen, dass er den ganzen Prozess erfolgreich abgeschlossen hat und gestärkt nach vorne blicken kann.

Bälle fangen – das Beste überhaupt
Gerade nach der Verletzung war dieser Ausblick intensiver. Eine Woche Ferien hat sich der Emmentaler mit seiner Freundin gegönnt, aber «schon nach drei oder vier Tagen wäre es für mich okay gewesen, wenn die Saison wieder gestartet hätte», sagt Von Ballmoos lachend. Letztlich seien die Momente, in denen er den Ball in den Händen hält, jene Situationen für die er lebt. «Wenn man sieht, wie die eigenen Mitspieler abdrehen, weil man den Ball gefangen hat. Oder wenn der Gegner die Hände verwirft oder mit Mimik zeigt, dass er nach Antworten sucht – das sind die besten Momente», sagt der 23-Jährige über seinen Job. Täglich stehe er deshalb mit Freude auf. Auch wenn einzelne Herausforderungen manchmal schwer wiegen und nicht jeder Tag wie Gold glänzt. «Fussballmüde bin ich noch lange nicht. Diesen Job werde ich behalten, bis es nicht mehr geht.» Das freut in erster Linie YB und seine Fans, hat er doch erst kürzlich einen neuen Vertrag bis 2022 unterschrieben. Einem Engagement im Ausland ist er aber nicht abgeneigt. «Träumen darf man, aber alles zur gegebenen Zeit», sagt er und verrät, dass die Bayern aus München vor allem wegen Oliver Kahn, seinem Vorbild, einen besonderen Platz in seinem Herzen haben. «In der Allianz Arena auflaufen, das wäre genial. Aber das ist dann wohl doch vor allem Träumerei», hängt er schliesslich an. Immerhin eine Chance gibt es auch mit YB. Als amtierender Meister kämpfen die Berner bald in der Champions League um die Qualifikation, vielleicht schaffen sie es dabei sogar bis zu einem Duell mit dem deutschen Rekordmeister.
Mit 23 Jahren ist beim Berner Torwart zweifellos noch viel möglich. Nicht nur wegen der Körpergrösse von 192 Zentimetern darf er auch in Zukunft nach den Fussball-Sternen greifen. «Wichtig ist mir, nie zu vergessen, wie alles angefangen hat: Mit Spass.» Dieser dürfte laut Expertenmeinungen auch in der kommenden Saison nicht zu kurz kommen. Die Chancen für die Titelverteidigung sind gut, allzu viele Niederlagen muss der ehrgeizige Mann damit wohl kaum über sich ergehen lassen. «Ein guter Start ist wichtig», sagt er und unterstreicht, dass das Spiel vom kommenden Sonntag zu Hause gegen die Grasshoppers grosse Bedeutung hat. Ein solches Spiel will keiner verlieren. Schon gar nicht David von Ballmoos.

Von Leroy Ryser