• Beobachtet vom Schiffskapitän (hinten) tanzen Diener Passepartout, Prinzessin Aouda und Gentleman Fogg zusammen. · Bild: Hans Mathys

25.04.2018
Langenthal

«In 80 Tagen um die Welt» – welch ein Abenteuer

Eine faszinierende Inszenierung mit grossartiger Choreografie und eindrücklicher Kulisse. Das Wiener «Theater mit Horizont» bezaubert das Publikum im Stadttheater Langenthal mit «In 80 Tagen um die Welt» – einem Familienmusical nach dem Roman von Jules Verne.

Sonntagnachmittag, Stadttheater Langenthal: «In 80 Tagen um die Welt» steht auf dem Programm. Der 1873 veröffentliche Roman des französischen Autors Jules Verne ist auch heutzutage ein Klassiker erster Güte. Das Publikum setzt sich vor allem aus Familien mit Kindern zusammen – und lernt schon mal die beiden Hauptfiguren kennen, den englischen Gentleman Phileas Fogg und den jungen Jean Passepartout, den Fogg als Ersatz für seinen bisherigen Diener, der eben gekündigt hat, engagiert. Passepartout wird den sehr auf Pünktlichkeit bedachten Phileas Fogg auf seiner Reise um die Welt begleiten. Fogg hat mit Club-Mitgliedern 20 000 Pfund gewettet, dass es ihm gelingen werde, in 80 Tagen die Welt zu umrunden. Es herrscht typisch englisches Wetter an diesem 2. Oktober 1872: Regen prasselt auf London nieder, wo der Glockenschlag des Big Ben zu hören ist: Tea Time. «Extrablatt» schreit ein Zeitungsverkäufer und verkündet, dass die Bank von England beraubt und um 55 000 Pfund erleichtert worden sei.

Verfolgt von Detektiv Mister Fix
Das ungleiche Paar tritt die Reise um die Welt an. Ihnen an die Fersen heftet sich Privatdetektiv Mister Fix, der im wohlhabenden Phileas Fogg den Bankräuber im Visier zu haben glaubt. Dies nicht ganz grundlos, denn Augenzeugen haben den Räuber als Gentleman beschrieben. «Der Fall wird immer klarer. Mister Fogg hat die Bank überfallen. Der Junge hingegen ist harmlos», gibt es für Detektiv Fix kaum mehr Zweifel. «Ein Gentleman lässt sich nicht aus dem Rhythmus bringen», singt derweil Phileas Fogg, Inbegriff für Verlässlichkeit und Korrektheit. «Ich kann und will mir keine Verzögerungen leisten», betont er und entgeht knapp einer solchen. Detektiv Fix hat nämlich aus London einen Haftbefehl für Fogg beantragt und diesen nach Bombay schicken lassen, wo sich Fogg und Passepartout momentan aufhalten. Die von Fix erhoffte Verhaftung von Fogg findet nicht statt, denn die Dame am Schalter wiederholt gleich mehrmals: «Dafür bin ich nicht befugt.»

Indische Prinzessin auf der Flucht
Der englische Gentleman und sein junger, französischer Diener sind im Fahrplan und haben auf diesen sogar zwei Tage Vorsprung. Sie befinden sich jetzt im Dschungel, wo sie einen brüllenden Tiger hören und einem friedlichen Elefanten ebenso begegnen, wie einer indischen Schönheit, bei der es sich um Prinzessin Aouda handelt, die auf der Flucht ist. In ihrem roten Gewand bezirzt sie die Europäer mit einem anmutigen Tanz. Das Trio setzt die Reise auf dem Rücken des Elefanten fort – verfolgt von Detektiv Fix, der die Reisenden in der britischen Kolonie Hongkong erwartet und sich hier singend die Hände reibt: «Morgen kommt der Haftbefehl.» 44 Tage bleiben jetzt noch übrig, um die Zeitlimite einhalten zu können.

«Wir durchqueren den Ozean»
Passepartout erlebt seinen Meister Phileas Fogg weiterhin als, wie er sagt, «höflich und fürsorglich, aber mit einer gewissen Distanz». Beide harmonieren aber bei Gefahren prächtig zusammen – und das erweist sich bei den zahlreichen Turbulenzen als nötig. Zu dritt geht die Reise während der nächsten 22 Tage über den Pazifik von Yokohama nach San Francisco. «Wir durchqueren den Ozean» singen Diener Passepartout, Prinzessin Aouda und Gentleman Fogg tanzend – beobachtet vom Schiffskapitän.

Ein Abenteuer nach dem andern
In der Theaterpause löschen die Kinder im Foyer ihren Durst und diskutieren mit ihren Eltern das bisher auf der Bühne Gesehene. Aber bald nimmt das grossartig spielende Ensemble aus Wien das Publikum mit auf die letzten Etappen der abenteuerlichen Weltreise. Diese führt vorerst mit der Eisenbahn von San Francisco quer über den nordamerikanischen Kontinent nach New York. Das sind sieben Tage im Zug, der von Indianern überfallen wird. Als das Teilziel New York erreicht ist, ist dort das Schiff nach Liverpool bereits abgefahren. Muss damit die Hoffnung begraben werden, in neun Tagen London zu erreichen? Fogg handelt und kauft einen Raddampfer, dem aber das Brennmaterial für den Kessel der Dampfmaschine ausgeht. So wird alles Holz, das nicht niet- und nagelfest ist, verfeuert. Mit Erfolg. Mit dem Extrazug aus Liverpool in London angekommen, nimmt Detektiv Fix Gentleman Fogg fest – jedoch nicht für lange, denn eben ist der wirkliche Bankräuber gefasst worden. Fogg ist niedergeschlagen, denn er hat die vereinbarte Zeit von 80 Tagen um lächerliche fünf Minuten überschritten. Die 20 000-Pfund-Wette ist verloren, Fogg ruiniert.

Nach der Enttäuschung die Freude
Anderntags gesteht Prinzessin Aouda ihrem Reisegefährten Fogg ihre Liebe. Sie möchte ihn heiraten. Fogg ist einverstanden, denn auch er empfindet Liebe. So beauftragt er Diener Passepartout, für den nächsten Tag die Heirat zu organisieren. Dabei stellt sich heraus, dass nicht Sonntag, sondern erst Samstag ist. Grund: Die Reisenden hatten die Datumgrenze überschritten und dabei einen ganzen Tag gewonnen. Fogg hat die Wette also gewonnen, nicht verloren.
Über dieses Happy End freut sich das vorzüglich unterhaltene 150-köpfige Publikum. Dieses klatscht im Rhythmus der Musik kräftig mit, als das Ensemble zum Abschluss in einem rassig vorgetragenen Lied die Geschichte in einer Art Schnelldurchgang zusammenfasst.
Die grossartige Inszenierung hätte ein volles Haus verdient, doch das Prachtswetter lockte halt eher in die Natur als ins Theater. Anders präsentierte sich die Situation am Vorabend: Das poetische und politische Kabarett mit «schön und gut» (Anna-Katharina Rickert und Ralf Schlatter) hätte im 100 Plätze aufweisenden Theater 49, dem Kleintheater im Untergeschoss des Stadttheaters, stattfinden sollen. Weil das Interesse die Erwartungen deutlich übertraf, war das Spektakel des starken Duos dann auf der gros-
sen Bühne zu sehen – vor einem beeindruckten, nahezu 200-köpfigen Publikum.

Von Hans Mathys


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