• Michael Fichter führte bei der Eröffnung die Besucher durch die Ausstellung «Willkommen zu Hause». · Bild: Leroy Ryser

27.11.2017
Langenthal

Lösungsansätze anstelle von Ratlosigkeit

Im Langenthaler Bildungszentrum ist derzeit eine Ausstellung zum Thema häusliche Gewalt bereitgestellt. Diese soll Betroffenen helfen zu reagieren, aber auch Drittpersonen für die richtige Hilfe sensibilisieren.

 

Letzte Woche ist in Langenthal eine Ausstellung zum Thema häusliche Gewalt eröffnet worden. Die Wanderausstellung mit dem Titel «Willkommen zu Hause» nimmt den Besucher auf einen Rundgang durch eine fingierte Wohnung mit, die verschiedene Arten häuslicher Gewalt aufzeigt. Beim Eingang steht ein Notfallkoffer, im Schlafzimmer wird das Versenden von Nacktfotos thematisiert, beim Wohnzimmer wird über die Beziehung von Alkohol und Gewalt informiert und in der Küche steht zerschlagenes Geschirr. Mit multimedialen Elementen wie Videos, Grafiken oder Gesprächsaufzeichnungen soll das Thema umfassend angegangen werden. Schliesslich gibt es unterschiedliche Arten von häuslicher Gewalt und auch unterschiedliche Entstehungsarten.

Oft ist Hilfe nötig
An der Eröffnung sprach mit Hans-Jürg Käser der Direktor der Berner Polizei- und Militärdirektion, in dessen Sparte die Präventionsstelle rund um häusliche Gewalt angesiedelt ist. «Die Wohnung sieht im ersten Moment völlig normal aus, zeigt aber in einem zweiten Schritt Spuren von Gewalt», so der Regierungsrat. Menschen, die davon betroffen sind brauchen aber meist Hilfe von Drittpersonen, um aus dieser Gewaltspirale auszubrechen – von Verwandten, Bekannten oder manchmal auch Nachbarn. «Die Ausstellung soll aber kein Gefühl der Ratlosigkeit hinterlassen», so Käser weiter, «sondern einen Lösungsweg aufzeigen.» Dieser geht am einfachsten über die Polizei. Selbst eingreifen sei derweil heikel, wer die Polizei rufe, habe bereits sehr viel Hilfe geleistet. Sowieso soll die Ausstellung aber ein breites Publikum ansprechen, weil ein Grossteil der Bevölkerung bereits einmal im Leben aktiv oder passiv mit häuslicher Gewalt in Kontakt gekommen ist.

Nicht immer wird angezeigt
Entsprechend wird bei geführten Besuchen unter anderem auch ein Polizist den Besuchern wichtige Informationen mitteilen. Alleine in Bern rückt die Polizei im Schnitt drei Mal täglich wegen Delikten von häuslicher Gewalt aus. «Häusliche Gewalt zeigt sich oft in einer Spirale. Zuerst baut sich die Aggression auf, dann folgt die Eskalation und meist dennoch ein Stadium von «Honeymoon». Gerade der letzte Teil ist für uns frustrierend, da viele Frauen auf eine Anzeige verzichten, weil sie den Gewaltakt herunterspielen und so ihren Mann nicht verprellen wollen», erklärt Michael Fichter, Leiter der Präventionsstelle von der Berner Kantonspolizei. Die richtige Handlungsweise für Betroffene oder Beobachter wird deshalb an den Posten von den Ausstellern gezeigt. So hat die Polizei oder die Opferhilfe im Kanton Bern ebenfalls ein «Zimmer» in der Ausstellung eingerichtet.

Kinder oft betroffen
Ein wichtiges Thema in der Ausstellung «Willkommen zu Hause» sind auch die Kinder. Gewalt löst immer Belastung aus, meist Stress und Unsicherheit. Gerade der Nachwuchs leidet oft darunter. Geschätzt wird, dass 10 bis 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zumindest einmal in Kontakt mit häuslicher Gewalt kam. Der Handlungsspielraum – beispielsweise von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) – ist in solchen Fällen aber klein. Für die strafrechtliche Untersuchung ist die Polizei zuständig, ausser radikalen Mitteln wie dem Obhutsentzug, bleiben für die Fachstelle aber nur wenig Lösungsmöglichkeiten.
Die Ausstellung, die vor zwei Wochen noch in Bern ihren Platz hatte, wird noch bis am 7. Dezember in der Aula des Langenthaler Gymnasiums geöffnet sein. Geplant ist, dass mehrere Schulklassen des Langenthaler Bildungszentrums BZL die Ausstellung geführt besuchen, weil Kinder und Jugendliche angesprochen werden sollen. «Gerade unsere jungen Erwachsenen, die hier im Gymnasium oder der Berufsfachschule den Unterricht besuchen, können davon profitieren», kommentiert Marcel Joss, Geschäftsführer des Langenthaler Bildungszentrums. Damit wird das Thema auf mehreren Stufen behandelt, um womöglich einen nachhaltigen Effekt zu erzielen.

Von Leroy Ryser

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