• Markus Loosli und seine Frau Therese wanderten durch den ganzen Oberaargau und wurden auch in Wyssachen von den Gemeindebehörden empfangen. · Bild: zvg

21.02.2018
Oberaargau

Loosli nimmt sich «Zyt für e Oberaargou»

Es ist zweifellos der originellste Wahlkampf, der je im Oberaargau geführt wurde. Markus Loosli, Gemeindepräsident von Herzogenbuchsee, hat sich entschieden, für den Grossen Rat des Kantons Bern zu kandidieren. Während andere mit Flyern, Plakaten und Inseraten werben, hat der FDP-Politiker eine Wanderung durch sämtliche 46 Oberaargauer Gemeinden absolviert und dabei in neun Tagen 250 Kilometer zu Fuss zurückgelegt.

Oberaargau · Obwohl die Idee nicht direkt von ihm stammt, gebührt Markus Loosli ein Kompliment: Der 61-jährige Gemeindepräsident von Herzogenbuchsee hat im Vorfeld der Grossratswahlen von Ende März den originellsten Wahlkampf absolviert. Zusammen mit seiner Frau Therese hat er zu Fuss sämtliche Oberaargauer Gemeinden besucht. In neun Tagen lief das Ehepaar 250 Kilometer durch alle 46 Gemeinden. Das Echo auf seine Aktion war gewaltig, sowohl in den einzelnen Gemeinden, wie auch auf den Sozialen Medien, auf denen er täglich von seiner Wanderschaft berichtete.
Die ganze Geschichte begann vor einem Jahr, als er angefragt wurde, für den Grossen Rat des Kantons Bern zu kandidieren. Er habe sich reiflich überlegt, ob er sich hier engagieren wolle, erzählt Markus Loosli. «Der Entscheid musste erst reifen», sagt er. Gleichzeitig hatte er aber bereits im Hinterkopf, dass eine allfällige Kandidatur mit einer speziellen Aktion verknüpft werden sollte. Inspirieren liess er sich von der ehemaligen Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli, die einmal der Grenze entlang um den ganzen Kanton Aargau wanderte.

Neun Tage, 46 Gemeinden
Ausschlaggebend für seine Kandidatur sei aber gewesen, dass die Region Oberaargau West über keinen Grossrat mehr verfüge, begründet Markus Loosli seinen Entscheid, für das Kantonsparlament zu kandidieren. Gleichzeitig fasste er ins Auge, während des Wahlkampfs den Oberaargau besser kennenzulernen. «Ich habe mich entschieden, mir einmal wirklich Zeit für unsere Region zu nehmen», betonte der FDP-Politiker. Seine Frau Therese sagte spontan zu, als er ihr vorschlug, gemeinsam durch den Oberaargau zu wandern. Damit war auch das Wahlkampfmotto geboren: «Zyt für e Oberaargou». Konkret bedeutete dies für Markus Loosli: Innerhalb von neun Tagen zu Fuss durch alle 46 Oberaargauer Gemeinden zu wandern.
Der Vorschlag kam in seiner Partei und bei seinen Freunden gut an und Markus Loosli konnte bei seinem Vorhaben auf die Unterstützung einiger treuer Wegbegleiter zählen, die für ihn Logistik-, Koordinations- und Informations-Arbeiten übernahmen. Sie reservierten die Lokalitäten für Verpflegungs-Stopps oder für Übernachtungen, bedienten die Webseite und Social-Media-Kanäle, tätigten Absprachen mit Behörden und legten Wanderrouten fest. Damit hatten Markus Loosli und seine Frau in der Tat reichlich «Zyt für e Oberaargou».
Was er auf seiner Wanderschaft zu sehen und zu hören bekam, hat den Gemeindepräsidenten von Herzogebuchsee tief beeindruckt. Eine Woche nach der letzten, der neunten Etappe, sagte er in einer ersten Bilanz: «Ich glaube, dieses Projekt hat mich geprägt und verändert.»
 Der gebürtige Thuner, der seit knapp 30 Jahren in Herzogenbuchsee lebt und seit 2014 der Gemeinde vorsteht, spricht davon, dass die Eindrücke, die er gewinnen konnte, überwältigend gewesen seien und er immer noch am Verdauen sei. Während den neun Tagen sei der Oberaargau definitiv zu seiner Heimat geworden, fügte er hinzu. Überrascht habe er festgestellt, dass die Oberaargauer offen und neugierig seien, entgegen der allgemeinen Meinung, die man etwa von aussen habe.

Viele hochspannende Geschichten
Natürlich habe er auch gewusst, dass der Oberaargau topografisch sehr unterschiedlich sei, «aber, wenn man zu Fuss unterwegs ist, dann nimmt man dies auf einmal ganz anders wahr», erzählt er. Hocherfreut nahm das Ehepaar zu Kenntnis, dass sie in vielen Gemeinden herzlich empfangen wurden. Er sei mit seiner Aktion auf sehr viel Sympathie gestossen und habe viel Lob erhalten. Dabei sei es auch zu vielen tollen Begegnungen gekommen. Zweimal habe man sogar privat übernachtet, bemerkte Loosli. «Dabei haben wir auch viele hochspannende Geschichten vernommen, solche, die man sonst nicht unbedingt zu hören kriegt», erwähnt Markus Loosli. Darunter seien auch einige sehr tragische gewesen. Körperlich sei das Ganze für ihn und seine Frau kein Problem gewesen, gibt er zu verstehen. Die beiden sind leidenschaftliche Wanderer und haben in ihrer Freizeit bereits zahlreiche Fernwanderungen absolviert. So sei man beispielsweise einmal in den Ferien – zusammen mit den drei Kindern – innerhalb von 14 Tagen von Herzogenbuchsee nach Italien gewandert.
Dass man ihm da und dort vorwirft, dass seine Aktion bloss dazu gedient habe, auf Stimmenfang zu gehen, stört den ehemaligen Leiter des kantonalen Alters- und Behindertenamtes nicht im Geringsten. Selbstverständlich sei er auf Stimmenfang gewesen, betonte er. «Ja, in der Tat haben wir Stimmen eingefangen und uns angehört, was die Leute im Oberaargau beschäftigt und was sie von der Politik erwarten», erzählt er. So habe er beispielsweise zur Kenntnis genommen, dass die abgelegenen Gemeinden im Oberaargau auf eine gute Infrastruktur angewiesen seien, weil sonst eine massive Abwanderung drohe. «Auch stellte ich fest, dass die Fragestellungen am Jurasüdfuss ähnlich sind wie in der Region Huttwil. Dies wiederum hat mich in meiner Meinung bestärkt, dass durch eine bessere und engere Zusammenarbeit im Oberaargau noch sehr viel mehr möglich ist.»
Loosli spricht abschliessend von einer wunderbaren Erfahrung, die er habe machen dürfen und die ihm einen gut gefüllten «Rucksack» an Wissen und Informationen mitgegeben habe. Etwas, das er vielleicht bereits ab Juni als neuer FDP-Grossrat des Kantons Bern verwenden kann. 

Von Walter Ryser

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