• Mehr Leben, mehr Frequenz und mehr Umsatz: Beim Wirtschaftslunch der Stadt Langenthal wurden zahlreiche Massnahmen zur Belebung der Märitgasse vorgestellt. · Bild: Walter Ryser

27.10.2017
Langenthal

«Märitgass 2020» nimmt Gestalt an

Das Projekt «Märitgass 2020» schreitet voran. Davon konnten sich rund 170 Unternehmer, Politiker und Kaderleute am Wirtschaftslunch der Stadt Langenthal überzeugen. Sabine Germann (Nähcenter Germann) und Yvonne Egli (Manor) stellten die in der Arbeitsgruppe «Retail» erarbeiteten Massnahmen und Vorschläge für das Projekt vor. Diese sollen dazu beitragen, die Gastfreundschaft zu erhöhen, die Besucherfrequenz sowie die Aufenthaltsdauer der Kunden zu steigern.

«Der Detailhandel steckt in der Krise, nicht bloss in Langenthal, sondern weltweit.» Mit diesen Worten eröffnete Thomas Bretscher, Retail Impuls GmbH in Basel, Leiter des Projekts «Märitgass 2020», den Wirtschaftslunch der Stadt Langenthal. Das brisante Thema lockte über 170 Unternehmer, Politiker und Kaderleute ins Parkhotel. Die Krise mache sich durch Frequenzverluste, Leerstände von Ladenlokalen und erhebliche Umsatzeinbussen bemerkbar, fuhr Bretscher fort. Nicht zuletzt das Smartphone habe unser Leben drastisch verändert, hielt Bretscher fest und belegte diese Aussage mit beeindruckenden Zahlen.
Bereits würden 83 Prozent der Konsumenten digitale Geräte beim Einkaufen nutzen, entweder vor, während oder nach dem Ladenbesuch. 29 Prozent des stationären Detailhandelsumsatzes in der Schweiz werde durch die Verwendung von digitalen Geräten beeinflusst. Digitale Bezahlsysteme seien im Aufwind: 46 Prozent der Schweizer geben an, dass sie in Zukunft per Smartphone bezahlen wollen. Durch die zunehmende Nutzung von digitalen Geräten steigt auch der Einfluss der sozialen Medien. Für jeden fünften Schweizer Konsumenten haben Kanäle wie YouTube und Facebook einen mittleren bis grossen Einfluss auf die Kaufentscheidungen.
Der Onlinehandel in der Schweiz habe letztes Jahr bereits 7,8 Milliarden Franken generiert. Das entspreche einer Steigerung von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. «Alleine in den letzten drei Jahren hat der Detailhandel in der Schweiz drei Millionen Franken Umsatz verloren», malte Bretscher ein düsteres Bild für die Branche. Der Online-Gigant Zalando versende täglich 30 000 Pakete in die Schweiz und habe letztes Jahr einen Umsatz in der Schweiz von 534 Millionen Franken gemacht.

Gastfreundschaft leben
Doch Thomas Bretscher sieht den stationären Detailhandel deswegen noch lange nicht auf dem Totenbett. «Es gibt auch Chancen», verkündete er und riet den Anwesenden: «Wir müssen den Kunden wieder vermehrt als Gast wahrnehmen und schätzen. Leben sie Gastfreundschaft. Fragen sie doch einmal ihre Kunden, was sie sich wünschen», appellierte er an die Detailhändler. Wichtig sei auch, über Grenzen hinaus zu schauen, sich zu erkundigen, was andere machen würden. «Setzen sie auf Dienstleistungen, die den Kunden überraschen. Dazu braucht es etwas Mut und eine Portion Innovation.»
Die Arbeitsgruppe «Retail», bestehend aus Mitgliedern der Stadtvereinigung, der Stadt Langenthal, des Gewerbevereins und des SC Langenthal versuchen deshalb gemeinsam dem anhaltenden Trend entgegenzuwirken. Unter Federführung der Retail Impuls GmbH aus Basel sind Vorschläge und Massnahmen für das Projekt «Märitgass 2020» und damit zur Belebung des Langenthaler Stadtzentrums definiert worden (der «Unter-Emmentaler» berichtete). Sabine Germann (Nähcenter Germann) und Yvonne Egli (Manor) stellten die Ergebnisse vor. Insgesamt hat die Arbeitsgruppe acht Handlungsfelder definiert: Mobilität und Erreichbarkeit; Aufenthaltsqualität, Immobiliennutzung; Veranstaltungen in der Märitgasse fördern; Entwicklung des Service-, Detailhandels- und Gastronomieangebots; Marketing und Kommunikation; Netzwerke gestalten und leben und Stadtentwicklung.

SVL gründet Forum
Für die einzelnen Handlungsfelder sind in der Folge verschiedene Massnahmen erarbeitet worden. So soll beispielsweise beim Handlungsfeld Mobilität und Erreichbarkeit ein Parking-Konzept, welches die Gastfreundschaft von Langenthal unterstreicht, realisiert werden. Erreichen will man dies etwa durch eine Harmonisierung der Parktarife, elektronische Bezahlmöglichkeiten, Parkfelder für Fahr-, Motorräder und Roller oder ein Parkleitsystem, welches die Besucher von Langenthal zum nächsten, zentrumsnahen Parkplatz führt.
Beim Handlungsfeld Aufenthaltsqualität soll ein kostenloser Internetzugang im Zentrum von Langenthal realisiert werden, aber auch Sitzgelegenheiten, ein Spielplatz für Kinder sowie zeitgerechte Sanitäreinrichtungen sollten den Besuchern zur Verfügung stehen. Beim Handlungsfeld des Service-, Detailhandels- und Gastronomieangebots setzt man auf Gastfreundschaft und sieht vor, für Detaillisten und Gastronomiebetriebe ein Ausbildungsprogramm anzubieten, aber auch eine Kunden-Befragung durchzuführen, um zu ermitteln, welche Erwartungen an die Märitgasse gestellt werden. Im Handlungsbereich Marketing und Kommunikation ist eine Social-Media-Offensive als Massnahme vorgesehen, eine rundum Vermarktung der «Leuchtturmaktivitäten» sowie die Erstellung eines Veranstaltungsplans. Für die Umsetzung der einzelnen Massnahmen sind vorwiegend die Stadt Langenthal sowie die Stadtvereinigung Langenthal zuständig. Peter Frei, Präsident der Stadtvereinigung Langenthal (SVL), konnte anschliessend mitteilen, dass bereits eine Kundenbefragung durchgeführt worden sei. Dabei habe man ein überaus erfreuliches Feedback erhalten. Auch habe die Stadtvereinigung ein Forum ins Leben gerufen. Hier treffe man sich alle zwei Monate zu einem Gedankenaustausch. Zudem biete man im Rahmen der Forums-Veranstaltung jeweils einer Firma die Möglichkeit, sich vorzustellen. Auch biete man zu Beginn des kommenden Jahres bereits die ersten Kurse an, um das Handlungsfeld im Bereich Service-, Detailhandels- und Gastronomieangebot zu stärken. Stadtpräsident Reto Müller wiederum konnte vermelden, dass sich der Gemeinderat mit sämtlichen Massnahmen, die in den Zuständigkeitsbereich der Stadt fallen, intensiv auseinandergesetzt habe und bereits fünf Massnahmen mit hoher Priorität eine erste politische Hürde übersprungen hätten. 

Von Walter Ryser

AUF facebook kommentieren