• Bruno Kunz, Geschäftsleiter von maxi.mumm, und der Projektleiter Max Kopp vor der Aronia-Plantage in Rohrbachgraben. · Bild: ljw

17.02.2017
Oberaargau

«maxi.mumm» übernimmt die Aronia-Kultur

Zehn Jahre lang hat Walter Bracher aus Huttwil seine Aronia-Kultur in Rohrbachgraben gepflegt, gehegt, liess die geernteten Beeren fachgerecht trocknen und verkaufte diese mit Hilfe seiner Frau und seiner Tochter. Nun geht die Aronia-Plantage einschliesslich Pachtvertrag, Kundenstamm und Infrastruktur in die Hände von «maxi.mumm» Langenthal/Madiswil. Die Non-Profit-Organisation, welche arbeitslose Menschen zurück in den Arbeitsmarkt führt und begleitet, will das Werk in Brachers Sinn weiterführen.

Rohrbachgraben · «Die Aronia-Produktion ist eine Arbeit mit hohem manuellem Anteil, der die Qualität ausmacht. Es braucht zumindest in der Erntezeit viele Leute, welche sie ausführen. Und es braucht Sorgfalt, Zuverlässigkeit und das Wissen, der Qualität verpflichtet zu sein. Das passt zu uns», sagt Bruno Kunz, Geschäftsleiter von «maxi.mumm», im Gespräch mit dem «Unter-Emmentaler». Zudem sei es eine sehr sinnbringende Aufgabe für die Programm-Teilnehmenden, welche die Organisation relativ wenig koste, denn «an Zeit und Leuten fehlt es uns nicht».
Auch die notwendige Fachkraft ist bereits gefunden. Max Kopp, der am INFORAMA Oeschberg speziell für den Beeren-Bereich und die Obstverarbeitung angestellt ist, übernimmt für «maxi.mumm» im Mandatsverhältnis die Projektleitung für die Aronia-Kultur. Durch ihn ist die Übernahme denn auch zustande gekommen. Einerseits kennen sich er und Bruno Kunz seit Jahren. Anderseits hat Max Kopp letzten Herbst im Auftrag von Walter und Rosmarie Bracher ein Gutachten für ihre Aronia-Plantage in Rohrbachgraben erstellt.
Denn die Aronia-Ernte im letzten Herbst ging deutlich über die Kräfte des mittlerweile 82-jährigen Walter Bracher. Seit Monaten kämpft er um seine Gesundheit – und gemeinsam mit seiner Frau darum, seine geliebte Plantage in gute Hände zu geben, welche die Beeren-Kultur mit gleichem Herzblut weiterführen wird.
Das Gutachten zeigte klar, dass Aronia-Beeren nach landwirtschaftlichem Geschäftsmodell wenig Rendite bringen. Doch «maxi.mumm» mit seiner spezifischen Aufgabe, nämlich der Integration von Menschen in den beruflichen Alltag, ist nicht gleichermassen auf eine Rendite angewiesen wie ein Landwirt, der kalkulieren muss um seine Existenz sichern zu können.    
Als Max Kopp bei Bruno Kunz «anklopfte» und ihn fragte, ob die Aronia-Kultur eventuell etwas für «maxi.mumm» sein könnte, horchte dieser auf. «Das interessierte mich, liess mich nicht mehr los. Ich vertiefte mich in die Vorgeschichte, in das Produkt, in die Herausforderung überhaupt. Schliesslich musste ich sagen: ‹Das wäre etwas für uns.›» Mit dieser frohen Botschaft ging Max Kopp zu Walter und Rosmarie Bracher, die schnell Vertrauen in die Lösung gewannen, welche er ihnen aufzeichnete.
Als es darum ging, «Nägel mit Köpfen» zu machen, wurde auch ihre Tochter Ursula Kocher-Bracher integriert, welche bis anhin für den Verkauf der Aronia- und Hagebutten-Produkte sowie für die Pflege der Homepage «www.berneraronia.ch» zuständig war.  

«Berner Aronia» bleibt
Inzwischen ist die Übernahme geregelt, sind die Formalitäten weitgehend abgeschlossen. «maxi.mumm» hat den Pachtvertrag für das 57 Aren gros-se Landstück der Familie Hirschi in Flückigen, Rohrbachgraben, übernommen. Der Vertrag läuft bis 2024. Das Aronia-Feld, welches auch zu einem kleinen Teil mit «Vitamin-Rosen» (Hagebutten) bepflanzt ist, Mechanisierung und Einrichtungen wurden von «maxi.mumm» per Kaufvertrag von Familie Bracher übernommen. Der Name «Berner Aronia» soll bestehen bleiben; der neue Besitzer hat dazu ein Gesuch gestellt. Walter Bracher hat die Marke «Berner Aronia» vor knapp zehn Jahren im Institut für Geistiges Eigentum eintragen lassen. Die Kulturen sollen weiterhin nach den Richtlinien des biologischen Landbaus bewirtschaftet werden.

Kundschaft wird direkt informiert
«Der Markenname passt auch für uns, und ich finde es wichtig, etwas Bestehendes, das sich bewährt hat, unter dem gewohnten Namen weiterzuführen. Wir wollen möglichst wenig verändern, denn Brachers haben sich viel gedacht, als sie das Aronia-Projekt starteten. Es hat sich bewährt», so Bruno Kunz.
Deshalb bleibe auch die Art des Angebots – getrocknete Aronia-Beeren in 250 g- und 1 kg-Paketen sowie Hagebutten-Pulver, beides in Bio-Qualität – wie bisher. Auch die Homepage «www.berneraronia.ch» wird unverändert weitergeführt. Ab 1. April werden die online-Bestellungen – ohne sichtbare Änderung auf der Homepage – über «maxi.mumm» laufen. Zudem kann die Organisation den Kundenstamm mit rund 1000 Adressen übernehmen. Die Kundschaft wird direkt über die Übernahme informiert.
Sämtliche Änderungen kommen per 1. April 2017 zum Tragen. Walter und Rosmarie Bracher wissen ihr Werk, das sie mit viel Herzblut, Kenntnis und im Einklang mit der Natur aufgebaut und betrieben haben, nun in sicherem Hafen. Derweil ist Bruno Kunz überzeugt vom grossen Potenzial der neuen Aufgabe für die Teilnehmenden der «maxi.mumm»-Programme.
Dies nicht nur in der aufwändigen Erntezeit. Unter der Leitung von Max Kopp werden die Kulturen während der gesamten Vegetationszeit gepflegt und unterhalten.
In den «maxi.mumm»-Betrieben in Langenthal wiederum werden die Bestellungen und der Versand verarbeitet, werden Rechnungen gestellt. In diese Aufgaben können ebenfalls Programm-Teilnehmende integriert werden – «eine win-win-Situation für alle Beteiligten», freut sich Bruno Kunz.

Pilotprojekt im Rentenalter – ein Rückblick
Die Beziehung zum Boden, das Züchten von Beeren und Randen, das Ausprobieren von Rezepten war jahrzehntelang die Welt von Walter Bracher, im Hintergrund unterstützt von seiner Frau Rosmarie. In den Hügeln oberhalb Dürrenroth und Weier, im «Brunnen», baute er seinen gut florierenden Betrieb mit Beerenkulturen, Beerenweinen und der Fabrikation des Emmentaler Randensalats auf. 1999 legte das Ehepaar Bracher das Unternehmen mit mehreren Festangestellten und Teilzeitmitarbeitenden in die Hände des Sohnes Peter. Walter Bracher aber «tüftelte» auch nach der Pensionierung weiter, stiess auf positive und vielversprechende Studien über die Aronia-Beere mit ihren wertvollen Inhaltsstoffen. Er erkannte ein neues Tätigkeitsfeld, musste aber etliche Hürden überwinden, bevor er im März 2007 – mittlerweile gerade mal 73-jährig – die ersten 270 Aronia-Sträucher kaufen und diese in Eriswil auf 15 Aren Pachtland pflanzen konnte. Es dürfte sich dabei um den ersten Anbau in der Schweiz gehandelt haben. Am selben Ort wurden, in Ergänzung zu den Aronia, 100 Pillnitzer Vitamin-Rosen (Hagebutten) gepflanzt. Ab Februar 2008 standen dann in Flückigen, Rohrbachgraben, weitere 45 Aren Pachtland zur Verfügung, auf welchen Walter Bracher nochmals 1000 Aronia-Sträucher und 200 Pillnitzer Vitamin-Rosen pflanzte. Getrocknet, sauber abgepackt und beschriftet, wurden die Beeren und das Hagebuttenpulver mit viel Erfolg an Reformhäuser, Drogerien, Ärzte, Naturärzte und Private verkauft. Walter Bracher hielt sich selbst fast täglich in seinen Aronia-Kulturen auf. Während der aufwändigen Erntearbeiten unterstützten zahlreiche Helferinnen und Helfer das Ehepaar – Menschen aus nah und fern, freiwillig, fröhlich und in vielen arbeitsreichen, aber zufriedenen Stunden. Die steile Kultur in Eriswil hat Walter Bracher später abgegeben; diejenige in Flückigen aber betreute er bis im letzten Herbst. Mit ihren Aronia-Beeren haben Walter und Rosmarie Bracher ein bereicherndes und überaus nachhaltiges Wirkungsfeld aufgebaut; für ihre Mitmenschen, für die Natur, für sich selbst und nun auch für ihre Nachfolge.

maxi.mumm für Integration in den Arbeitsmarkt
Die Institution maxi.mumm ist eine Non-Profit-Organisation mit Standorten in Langenthal und Madiswil. Sie ist als Verein organisiert und bietet verschiedene Angebote im Bereich der sozialen und beruflichen Integration von arbeitslosen Personen an. Diese Angebote beinhalten Kurse und Schulungen, Begleitung bei Bewerbungsprozessen und allem vorab die Stärkung des Selbstvertrauens. Sozialbezüger finden kurzfristige Arbeiten oder andere Hilfeleistungen, immer mit dem Ziel, die Programm-Teilnehmenden näher an oder sogar zurück in den Arbeitsmarkt zu bringen. Die ihnen zugewiesene betreute
Arbeit muss in den meisten Fällen niederschwellig sein, da vielfach eine solide Ausbildung oder Erfahrung fehlt. «maxi.mumm» bietet unter anderem Hausräumungen oder Umzüge für finanziell Schwache an, erledigt Gartenarbeiten, einfache Schreinerarbeiten, Vorarbeiten für Recycling von Abfallmaterial, Reinigungsarbeiten oder anderes. Dabei arbeitet die Institution auch mit Detailgeschäften zusammen. Bei den meisten Angeboten handelt es sich um Nischenaufträge. Der Verein darf keinen Gewinn erwirtschaften, muss aber sein Kostendach einhalten. Er wird von allen Oberaargauer Gemeinden getragen  und besitzt dadurch eine starke regionale Verankerung.

Von Liselotte Jost-Zürcher



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