• RKE-Anlass in Hindelbank (von links): Karen Wiedmer (RKE-Geschäftsführerin), Walter Sutter (Präsident RKE-Planungskommission), die Referenten Christoph Zindel und Martin Laupper sowie Peter Hänsenberger (Leiter Baudirektion Burgdorf). · Bild: Gerti Binz

31.08.2018
Emmental

Regional koordinierte Planung ist nötig

Im Rahmen der Themenreihe «Siedlungsentwicklung» der Regionalkonferenz Emmental (RKE) liessen sich Vertreter aus Gemeinden, Verbänden und Unternehmen von zwei Fachleuten über die Vorteile koordinierter Planung informieren.

 

Hindelbank · Die Regionalkonferenz Emmental ist ein Zusammenschluss aus 40 Gemeinden des Verwaltungskreises Emmental mit knapp 100 000 Einwohnern. Da die Erkenntnis «Gemeinsam sind wir stark» seit Jahren zunehmend an Bedeutung und Gewicht gewinnt, führt die RKE-Geschäftsleitung Informationsabende zur Themenreihe «Siedlungsentwicklung» durch (2014 «Quo vadis?»; 2015 «Gesundheitsregion als Chance»; 2016 «Wie sieht das Emmental der Zukunft aus?»; 2017 «Regionale Arbeitszonen: Lasten und Nutzen fürs Emmental»).

Entwicklung durch Planung
Die Themenreihe 2018 steht laut Walter Sutter, Präsident der RKE-Planungskommission (PlaKo), unter dem Motto «Wie regional koordinierte Planung die Entwicklung fördert». Nach einer kurzen Begrüssung mahnte er: «Raumplanung endet nicht an Gemeindegrenzen.»
Peter Hänsenberger, Vizepräsident PlaKo und Leiter der Burgdorfer Baudirektion, sprach «von den Zwängen einer Gemeinden und Regionen übergreifenden Raumplanung, um Dank Koordination und Zusammenarbeit Nötiges und Wünschbares zu erreichen. Zudem können Kosten gespart werden.» Als Beispiel nannte er die seit 1950 praktizierte «Share Oekonomie», bei der Landwirte gemeinsam Landmaschinen anschaffen und sie reihum nutzen. Hänsenberger streifte Problemthemen wie regionale Arbeitszonen, verschiedenen Planungsstufen unter Einbindung mehrerer Gemeinden und anderes. «Eigeninteressen und Gewinnstreben müssen zurückstehen, nur die Gesamtinteressen dürfen zählen.»

Pionier der ersten Stunde
RKE-Geschäftsführerin Karen Wiedmer begrüsste Martin F. Laupper, erster Präsident der fusionierten Grossgemeinde Glarus Nord und Glarner Grossrat. Laut Laupper «sind die Voraussetzungen für Grossfusionen im Emmental und in Glarus unterschiedlich, aber auch hier lässt
sich viel erreichen.» 2006 hat die Bevölkerung von Glarus bei der Landsgemeinde beschlossen, aus 78 Gemeinden (darunter Kirchgemeinden, Burgergemeinden usw.) drei Grossgemeinden (Glarus Süden, Mitte, Norden) zu bilden.
Heute habe sich das einstige «Jammertal Glarus» mit schlechten finanziellen Perspektiven (Kanton und Gemeinden verschuldet, niedrige Steuereinnahmen), Problemen wie Abwanderungen, Firmenschliessungen usw. in eine Region in Aufbruchstimmung verwandelt. «Das verdanken wir nicht zuletzt den grossen Vorteilen bei der Raumplanung, bei welcher heute die acht beteiligten Gemeinden mit 18 400 Bewohnern und 151 Quadratkilometern von Glarus Norden zusammen arbeiten.» Früher habe jede Gemeinde für sich Bauland eingezont. Ziel sei ein für alle acht Gemeinden gültiger Zonenplan mit möglichst grossen planerischen Freiheiten. Er wünsche sich «mehr Kreativität und neue Denkanstösse beim Bauen statt Einheitsbrei.»

Erfolgsgeschichte im «Jammertal»
Anhand zahlreicher Beispiele erläuterte Laupper die schrittweise Entwicklung der Region auf verschiedenen Ebenen wie Landschaftsschutz, Nachhaltigkeit aller neuen Richtlinien, Chancen dank neuem politischem Rahmen, Schutz von Ortsbildern, Landschaften, Deblockade von Projekten und vielem mehr. Er betonte «die Professionalität bei der Planungsbehörde, die Voraussetzung für erfolgreiches Arbeiten ist. Weiter ist die Einbindung der Bevölkerung sehr wichtig. Der erste Zonenplan, bei dem 40 Hektaren Bauland zurückgezont worden wären, ist wuchtig verworfen worden.» Glarus Norden weise heute 500 zusätzliche Arbeitsplätze, 50 Firmenzuzüge und über 2000 neue Bewohner aus. Der Anschluss an das Nationalstrassennetz stehe bevor, der Militärflugplatz Mollis werde zu einer Helikopterfabrikation mit rund 500 neuen Arbeitsplätzen ausgebaut. Lauppers Fazit: «Regional koordinierte Planung ist ein grosser Vorteil.»

Kräfte bündeln für Erfolg
Der zweite Referent, Kult. Ing. ETHZ Christoph Zindel blickt auf reiche Erfahrungen in der Raumplanung/
Raumentwicklung zurück. Auch er spricht Reformen und Zusammenschlüssen das Wort, so der Strukturreform in Graubünden, um mehr Effizienz zu erzielen. «2015 sind dabei die fünf früheren Positionen, sprich Kanton, Regionalverbände, Bezirke, Kreise und Gemeinden, auf drei reduziert worden, nämlich Kanton, Regionen, Gemeinden. Diese sind auf planerischer Ebene gemeindeübergreifend mit der regionalen Richtplanung und Wirtschaftsentwicklung, Grundbuchamt, Zivilstandsamt, Betreibungs- und Konkursamt, Spitex, Musikschule, Tourismusentwicklung usw. befasst. Jede Region organisiert sich anders. Dazu kommt, dass immer weniger Personen ehrenamtliche Ämter in den Gemeinden anstreben, die mit viel Arbeit und Verantwortung verbunden sind und nicht selten grossen Ärger bringen.» Zindel erwähnt bei den finanzstarken Gemeinden «das auffallend hohe Ego», wobei die Gemeindeautonomie sowieso sehr hoch sei. Als zukunftsorientiert sprach er von den Fusionen der Gemeinden in Bündnerischen Seitentälern, die jetzt ihre Aufgaben wieder wahrnehmen können.

«Tardisland» und «Origen»
Als Beispiel gelungener Kooperation und vielversprechenden Zukunftsperspektiven nannte er «Tardisland». Auf 33 Hektar Land der Standortgemeinden Zizers und Landquart ist ein Industrie- und Gewerbegebiet entstanden. 27 ha sind bereits verkauft und weitgehend genutzt. Das Outletcenter ziehe weitere Anbieter nach. «Stärke durch Grösse, Stärke durch Exklusivität.» Letzteres gilt für «Origen» als «Welttheater» (Musiktheater und Tanzfestival mit Besuchern aus aller Welt), was die Ortschaft Riom als Kulturort positioniert (Wackerpreis 2018). «Die Dorfentwicklung lebt von ‹Origen›.» Erwähnenswert sei auch der 2017 erstellte Julierturm auf dem Julierpass, der zahlreiches Publikum zu den Aufführungen anlockte.
 Referent Christoph Zindel fasste seine Erkenntnisse aus Jahrzehnte langer Arbeit wie folgt zusammen: «Entwicklung durch regional koordinierte Planung ist ein Wachstumsträger; Grösse verleiht Stärke; Innovation ist unersetzlich.»
Nach der durch Karen Wiedmer moderierten Diskussion – unter Einbezug des Publikums – widmeten sich die Anwesenden im Sofa-Theater Hindelbank dem delikaten Apéro und dem weiteren Gedankenaustausch.

Von Gerti Binz

AUF facebook kommentieren