• Ein Olympiasportler sagt Adieu: Clemens Bracher aus Wasen beendet seine kurze, aber erfolgreiche Bobkarriere. Bild: Marcel Bieri

05.08.2018
Sport

Rücktritt – der Vernunft Rechnung tragend

Die Vernunft siegte. Der 31-jährige Clemens Bracher aus Wasen beendet seine 2009 begonnene Bobkarriere. Das notwendige Geld, um das angestrebte Fernziel «Medaillengewinn an den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking» seriös angehen zu können, konnte nicht generiert werden.

«Es ist bitter. Aber es gibt keinen anderen Weg», sagt Clemens Bracher zu seinem Entschluss, die achtjährige Karriere im Bobsport zu beenden. Bereits im grossen «UE»-Monats-Interview vom vergangenen Samstag hatte der am 25. Januar 1987 geborene Wäseler angedeutet, dass ihm die finanziellen Mittel fehlen, um das Fernziel «Medaillengewinn an den Olympischen Winterspielen 2022» realistisch anzugehen. 

Auf die Existenz schauen

«Ich hätte für die nächsten vier Jahre eine finanzielle Sicherheit gebraucht, um das Projekt seriös angehen zu können», sagt Bracher. Doch trotz grossen Bemühungen kam das Geld nicht zusammen. Und unter diesen Umständen wollte der kräftige Sportler mit dem markanten Bart nicht weitermachen. «Ich möchte nicht vier Jahre alles dem Sport unterordnen, um am Ende die Zielsetzung zu verpassen, weil die finanziellen Mittel nicht ausreichen.» Ausserdem musste Bracher, der 2009 als geübter Volleyballer, Hornusser, Eishockeyaner und Leichtathlet als Anschieber mit dem Bobsport startete, auch auf seine Existenz schauen. «Ich habe meine gesamten Ersparnisse in den Bobsport gesteckt. Um meine Existenz zu sichern, durfte ich kein Abenteuer eingehen.» 

Den besten Mann verloren

Obwohl bei Brachers Entscheid das Geld – «der Bobsport ist einfach verdammt teuer» – die zentrale Rolle spielte, war auch die sportliche Situation wichtig. «Ich hätte mir keine Übergangssaison leisten können, um sportlich erfolgreich zu sein», weiss Bracher. Doch genau eine solche hätte sich abgezeichnet, weil der Teamchef nach Saisonende sein stärkstes Pferd verlor. Die Anschieberrakete Michael Kuonen aus dem Wallis entschied sich – wie einst Bracher – die Zügel selber in die Hände zu nehmen und künftig als Pilot tätig zu sein. Mit Kuonen im Bob feierte Bracher seine grössten Erfolge. «Ihn zu ersetzen, wäre wohl ein Ding der Unmöglichkeit geworden», sagt Bracher. Und die Zeit, um einen ähnlichen Diamanten zu finden, wäre ebensowenig vorhanden gewesen, wie diesen dann auch noch zu schleifen. Parallel dazu hätte sich Clemens Bracher ständig darum kümmern müssen, konkurrenzfähiges Material zu beschaffen. 

Mehr Privatleben

«Mein Entschluss ist vernünftig. Natürlich ist Ernüchterung da. Das innere Feuer wäre immer noch so gross gewesen, um die sportliche Zielsetzung mit aller Konsequenz zu verfolgen. Aber es sollte halt nicht sein.» Doch der gefällte Grundsatzentscheid hat auch eine positive Seite. «Es ist auch eine Erleichterung spürbar. Die letzten Wochen waren mental alles andere als ein Vergnügen», meint Bracher. In den nächsten Tagen und Wochen wird Clemens Bracher die Sache erst einmal sacken lassen. Dann dürfte er das Privatleben pflegen und schätzen, welches während seiner Bobkarriere gänzlich auf der Strecke blieb. «Es ist mir wichtig, viel Zeit mit meinem nächsten Umfeld zu verbringen. Diese Personen haben mich in den letzten Jahren am meisten unterstützt – und mit mir zusammen auf einiges verzichtet.» Es ist Clemens Bracher aber auch ein Anliegen, allen weiteren Beteiligten (Team, Sportumfeld, Sponsoren) für die grosse Unterstützung Dankeschön zu sagen. Dank ihrer Unterstützung schaffte es Clemens Bracher vom Bob-Nobody zum Schweizermeister im Zweier- und Viererbob, zum Vize-Europameister im Zweierbob, zum Weltcupsieger im Zweierbob im allerersten Rennen und zum Olympia-Teilnehmer von Pyeongchang 2018 (12. Rang im Zweier- und 14. Rang im Viererbob). Mit dem Rücktritt vom Bobsport verschwindet der Name Clemens Bracher im Sport aber nicht. Bracher wird weiterhin für die HG Wasen-Lugenbach möglichst weite Streiche schlagen und gelegentlich in der Leichtathletik im Einsatz stehen. Und wer Bracher kennt, weiss, dass er neben seinem Job als Heizungsplaner bestimmt noch eine neue Herausforderung im Sportbereich finden und ausüben wird. 

Von Stefan Leuenberger

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