• Facharzt Dr. med. Rolf Senst bei seinem Vortrag in Langenthal. Bild: Hans Mathys

01.10.2017
Langenthal

«Trauma-Folgen sind gut behandelbar»

80 Interessierte wohnten in der Klinik SGM in Langenthal dem Vortrag «Traumatisierung der Psyche – was tun?» bei. Referent Dr. med. Rolf Senst, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete von seinen Behandlungserfahrungen.

 

Der Experte informierte gleich zu Beginn, was unter einem Trauma zu verstehen ist: «Ein kurz oder lang anhaltendes Ereignis oder Geschehen von ausserordentlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmass, das bei nahezu allen Leuten tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde. Hierzu gehören Naturereignisse oder von Menschen verursachte Katastrophen, eine Kampfhandlung, ein schwerer Unfall oder die Tatsache, Zeuge des gewaltsamen Todes anderer oder selbst Opfer von Folterung, Terrorismus, Vergewaltigung oder anderer Verbrechen geworden zu sein.» Ein psychisches Trauma sei, so Facharzt Rolf Senst, «ein vitales Diskrepanz-Erlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.»

 

Unterschiedliche Typen von Trauma

Der seit 1994 als Chefarzt in einer Fachklinik in Egenhausen im Schwarzwald mit rund 100 stationären Betten in zwei Abteilungen und 25 Tagesklink-Plätzen tätige Rolf Senst zeigte das Bild eines schweren Autounfalles als Beispiel für ein Trauma Typ 1 und während des Zweiten Weltkriegs in einem Konzentrationslager (KZ) entstandene Fotos als Beispiel für ein Trauma Typ 2. Das Trauma Typ 1 sei ein einmaliges, plötzliches Ereignis, das akut lebensbedrohlich sei und unerwartet eintreffe – wie Verkehrsunfälle, berufsbedingte Trauma bei Polizei und Feuerwehr sowie kurz dauernde Naturkatastrophen wie Wirbelstürme und Brände. Durch Menschen verursacht seien beim Trauma Typ 1 Kriminalität/Gewalt, sexuelle und körperliche Tätlichkeit sowie bewaffnete Überfälle. «Ich behandle oft Personen nach einem Überfall auf eine Tankstelle oder einen Discounter», so der Facharzt.

Das Trauma Typ 2 sei, sagte der Referent, wiederholend, anhaltend (Flut- und andere Naturkatastrophen) sowie unberechenbar (technologische Katastrophen wie Giftgas). Bei diesem Typ 2 seien die Menschen Verursacher bei sexuellem Kindesmissbrauch oder schwerer Vernachlässigung, emotionalem Missbrauch, Folter/Krieg, Entführung und Inhaftierung sowie bei häuslicher Gewalt.

Zwischenzeitlich zeigte der Facharzt ein Video – das Gespräch mit einer Frau, die als achtjähriges Mädchen vergewaltigt wurde und nun mit dem Referenten dieses böse Erlebnis zu verarbeiten versuchte. Heute würde sie den Vergewaltiger am Kragen packen, aus dem Haus schmeissen, ihn als Schwein bezeichnen und «verschwinde» zurufen, sagte das Opfer. «Das heutige und das damalige Ich sollen zusammen kommunizieren», so Rolf Senst. Dies sei seine Aufgabe als Therapeut. Der Täter solle konfrontiert und entmachtet werden. Die ganze belastende Szene soll visuell in der Gegenwartsform wiedererlebt werden, und es müsse ein Dialog zwischen dem damaligen Ich und dem heutigen Ich stattfinden. «Relevant ist, was jetzt ist – nicht, was vor Jahren einmal war», betonte der Referent.

«Der weitaus grösste Teil der von einem Trauma betroffenen Menschen entwickelt keine psychische Störung», unterstrich der Facharzt und ergänzte: «Psychische Störung wird verursacht nicht durch die traumatischen Ereignisse selbst, sondern durch eine inadäquate emotionale Verarbeitung der traumatischen Ereignisse. Ob oder nicht hängt von der Art des Traumas, von der Persönlichkeit des Betroffenen und von der situativen Verfügbarkeit von Schutzfaktoren ab.» Häufige auf ein Trauma bezogene Schemata bei komplexer posttraumatischer Belastungsstörung seien, so Rolf Senst, Ohnmacht («Ich bin hilflos ausgeliefert»), Inkompetenz («Ich bin ein Versager»), Bestrafung («Ich muss bestraft werden»), Verlassenheit («Andere werden mich verlassen») und Beschämung («Ich bin eine Schande»). Der Facharzt wollte wissen, wer im Publikum sich schon als Versager gefühlt habe. Viele Hände schnellten in die Höhe.

«Kompetenz und Gottvertrauen»

Rolf Senst stellte «seine» Rehaklinik mit Schwerpunkt Psychotherapie vor, bei der die Mitarbeiter ein christliches Glaubensbekenntnis ablegen und die offen für Patienten jeglicher Weltanschauung sei. «Wir wollen Menschen mit psychisch bedingten Störungen auf der Grundlage der Bibel unter Einsatz wissenschaftlich erprobter Verfahren helfen, ihr Leben besser zu bewältigen – mit sich selber, mit ihren Mitmenschen und mit Gott», so der Referent. Die Klinik im Schwarzwald schreibe sich «Kompetenz und Gottvertrauen» auf die Fahne. «Von der Oberflächlichkeit in die Tiefe», beschrieb der Referent seine Arbeit als Therapeut. Er verabschiedete sich mit einem Vers aus dem Neuen Testament der Bibel: «Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten.»

Dr. med. Albrecht Seiler, Chefarzt der gastgebenden Klinik SGM an der Weis-sensteinstrasse in Langenthal, zeigte sich angetan vom Referat, das seine Erkenntnis bestätigte. «Trauma-Folgen sind gut behandelbar.» Seiler hatte Senst als «Freund des Hauses» in Langenthal begrüsst – und verabschiedete diesen als solchen. Hans Mathys

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