• Die Teilnehmer der Stifterversammlung waren für einmal nicht bloss bei Abstimmungen und Wahlen gefragt, sondern konnten sich während eines kleinen Workshops – zusammen mit Verwaltungsrat und Geschäftsleitung (hinten Geschäftsführer Stephan Weber) – aktiv an der künftigen Strategie der WBM beteiligen. · Bild: Walter Ryser

08.06.2018
Oberaargau

Vergangenheit und Zukunft kreuzen sich

Die Werkstätte für Behinderte in Madiswil (WBM) pendelt in diesen Tagen zwischen der Vergangenheit und der Zukunft hin und her. An der Stifterversammlung beschäftigten sich die Anwesenden mit der künftigen strategischen Ausrichtung der WBM, während in zwei Wochen beim Sommerfest auf die letzten 50 Jahre zurückgeblickt wird.

Madiswil · Am Samstag, 23. Juni, feiert die Werkstätte für Behinderte in Madiswil ihr Sommerfest. Im Rahmen dieser Veranstaltung wird auch auf die 50 Jahre des Bestehens der Institution zurückgeblickt. «Stiftung WBM – 50 Jahre in Bewegung» lautet der Titel einer Podiumsdiskussion, an der um 14 Uhr Vertreter aus Wirtschaft und Politik sowie Angehörige der Mitarbeitenden teilnehmen werden.
An der Stifterversammlung dagegen richtete sich der Blick mehrheitlich nach vorne, auch wenn zu Beginn vorerst auf das vergangene Jahr zurückgeschaut wurde. Im Mittelpunkt des letzten Jahres sei die Netzwerkpflege gestanden, erläuterte Stephan Weber, Geschäftsführer der WBM. Dabei habe man dieses nicht bloss gepflegt, sondern es sei auch gelungen, das bestehende Netzwerk zu erweitern. Es hätten viele wertvolle Beziehungen stattgefunden, betonte Weber. «Für die WBM waren diese Begegnungen gleichzeitig ausgezeichnete Gelegenheiten, die ganze Produktion als innovative und ernst zu nehmende Partnerin der Wirtschaft und der Industrie zu präsentieren», hielt Stephan Weber weiter fest.

WBM spürt Entlastungspaket
Man habe sich Ende letzten Jahres aber auch mit unangenehmen Überraschungen herumschlagen müssen, erwähnte der Geschäftsführer weiter. So teilte der Kanton Bern der WBM im Dezember mit, dass die Institution bereits im Jahr 2018 die eingeleiteten Massnahmen aus dem vom Grossen Rat verabschiedeten Entlastungspaket zu spüren bekommen werde. Total wird die WBM im laufenden Jahr Leistungskürzungen in der Höhe von 290 026 Franken verkraften müssen. Damit die Rechnung Ende Jahr erneut positive Zahlen ausweisen kann, sind nun Sonderefforts erforderlich.
Zumindest die Jahresrechnung 2017 schloss mit einem erfreulichen Ertragsüberschuss von 143 689 Franken ab. Damit die WBM die Herausforderungen der Zukunft meistern kann, haben sich Verwaltungsrat und Geschäftsleitung intensiv Gedanken über die künftige strategische Ausrichtung gemacht. Als erste Massnahme wurde dazu der Verwaltungsrat erweitert. Während Annemarie Zaugg (Madiswil, seit 2008 im Verwaltungsrat) das Gremium verlässt, nehmen neu Markus Heiniger (Langenthal, Filmproduzent), Patrick Nemeshazy (Bern, stv. Chefarzt Psychiatrische Dienste SRO Langenthal), Karin Moser (Wolfwil, Zentrumsleitung Alterszentrum Spycher, Roggwil) und Olaf Wirtz (Madiswil, Leiter Sozialdienst Wasseramt Ost) neu Einsitz im Verwaltungsrat. Dazu wurden VR-Präsidentin Karin Hab-egger (Langenthal) und Vizepräsident Kurt Schär (Roggwil) für eine weitere Amtsdauer bestätigt.

Versammlungsteilnehmer beschäftigen sich mit WBM-Zukunft
Zum Schluss der Stifterversammlung richtete sich der Blick ganz klar nach vorne, wurden doch die Anwesenden in den Strategieprozess miteinbezogen. Während eines kleinen Workshops wurden sie mit verschiedenen provokativen Thesen konfrontiert, zu denen sie ihre Gedanken und Ideen äussern konnten. «Wir erhoffen uns von diesem Mitwirkungsverfahren einige wertvolle Inputs», begründete Stephen Weber das unkonventionelle Vorgehen. Dabei wurden die Workshop-Teilnehmer beispielsweise mit dem anhaltenden Strukturwandel in der Industrie (Digitalisierung) und mit der These konfrontiert, dass dieser Wandel dazu führe, dass einfach Arbeiten, insbesondere die manuelle Serienarbeit mit klar definierten Arbeitsschritten (eine Hauptbeschäftigung in der Produktion der WBM) künftig automatisiert werde und somit vom Markt verschwinde. Auch wurden die Teilnehmer mit der Aussage konfrontiert, dass Menschen mit Beeinträchtigungen von der Politik vermehrt als «Schmarotzer» dargestellt werden. Dieser Tabubruch führe zu einer sinkenden Solidarität in der Bevölkerung und somit zu schlechteren Rahmenbedingungen und weniger Leistungsabgeltungen (Subventionen) für die Institutionen im Behindertenbereich.
Dazu lieferten die Workshop-Teilnehmer einige bemerkenswerte Feedbacks. So hielt eine Teilnehmerin beispielsweise fest, dass weniger Subventionen den Institutionen mehr Freiheit ermögliche. Durch die Digitalisierung würden auch neue Arbeitsformen und Tätigkeiten entstehen, hielten andere fest, während einige auch davon ausgehen, dass die Zukunft neue Behinderungsformen hervorbringen könnte, was wiederum neue Ansprüche auslösen wird. Für die WBM bedeute dies, dass man den Veränderungen mit einer grossen Offenheit gegenübertreten müsse. Der mit dem Workshop eingeleitete Strategieprozess wird nun von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung weiter fortgesetzt und entwickelt.

Von Walter Ryser

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