• Der neue Saal des Stadttheaters zeigt sich in hellem Licht mit neuen, bequemen Stühlen und Regiepult. · Bild: Hans Mathys

18.12.2017
Langenthal

Vorhang auf im Stadttheater

Rund 350 Gäste – auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann war dabei – feierten am Freitag die Wiedereröffnung des renovierten Stadttheaters. Das Interesse am Tag der offenen Tür vom Samstag war überwältigend, das Publikum von den Einblicken beeindruckt.

 

Mit 56 Prozent Ja-Stimmen-Anteil hat das Stimmvolk von Langenthal Ende 2014 dem 14,7-Millionen-Franken-Kredit für die Sanierung des Stadttheaters zugestimmt. Nach 16-monatiger Bauzeit wurde die herausgeputzte «Alte Dame» vergangenes Wochenende dem Betrieb übergeben. Gestartet wird am 26. Dezember mit «Der kleine Lord» und an Silvester mit der Uraufführung «Dinner for One» auf Schwyzerdütsch von Pedro Lenz. Der in Olten lebende Langenthaler Schriftsteller war am Freitagabend an der Widmungsfeier einer der geladenen Gäste und mit über 2 Meter Grösse der diesbezüglich überragende Mann des Abends. Er sass in der ersten Reihe neben der Langenthaler Kulturbeauftragten Marianne Hauser Haupt. Zwei Plätze in der ersten Reihe blieben vorerst leer. Sie waren für Bundesrat Johann Schneider-Ammann reserviert, der etwas später mit seinem Weibel eintraf.
In seiner Begrüssungsrede bezeichnete Langenthals Stadtpräsident Reto Müller das neu sanierte Stadttheater als «sensationellen Bau» und als «Leuchtturm der Kultur in unserer Region». In Sachen Finanzen sei man «auf Kurs». Dies liessen die vorliegenden, jedoch noch nicht endgültigen «mit Vorsicht zu geniessenden» Zahlen vermuten. Reto Müller, der seinem Vorgänger Thomas Rufener fürs Aufgleisen und die grosse Arbeit im Vorfeld der Sanierung dankte, rief das Publikum auf: «Gönnt euch zwischendurch mal hochstehende Kultur in unserem Stadttheater.» Gemeinderätin Helena Morgenthaler, Leiterin Ressort Kultur und Sport, liess die Geschichte des in den Jahren 1914 bis 1916 erbauten Theaters Revue passieren – angefangen mit der Schenkung von 100 000 Franken von Arnold Geiser – Burger von Langenthal und Stadtbaumeister von Zürich. Der Bau sei unter einfachen Bedingungen während des Ersten Weltkrieges realisiert worden. Zwischen den diversen Ansprachen bereicherten das Jodler-Doppelquartett Langenthal, das Kammerensemble Langenthal und die Oberaargauer Brass Band den feierlichen Anlass.

Humorvolle Reden
Einer der Redner war Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur des Kantons Bern. Witzig und aus der Sicht einer Feldlerche blickte er aus der Vogelperspektive auf Langenthal vor rund 100 Jahren hinab – auf das Theater, «das uns tiefe emotionale Eindrücke beschert». Ähnlichen Humor wie Glarner bewies Architekt Bernhard Aebi, der den 100 000-Franken-Schenker Arnold Geiser in seiner fiktiven Geschichte jetzt – über 100 Jahre nach dem Theaterneubau – mit dem Taxi nach Langenthal reisen liess, um sich hier im Stadttheater umzusehen. Nach Aebi informierte Enrico Slongo, Langenthals Stadtbaumeister, über die verschiedenen Änderungen und Neuheiten im renovierten Bau, «unserem modernen Theater». Dazu gehört die Verlegung des Eingangs, das von neuen sowie renovierten Leuchten strahlende Licht, das Foyer mit Theke, die Versetzung der Garderobe und der Toiletten ins Untergeschoss sowie hier vor allem der Bau des Theaters 49, eines Kleintheaters mit einer Tribünenkapazität von 110 Plätzen. Riesig war der Applaus, als Bundesrat Johann Schneider-Ammann ans Mikrofon trat und der Stadt zur «sehr gelungenen» Stadttheaterrenovation gratulierte. Der Magistrat sprach über die Schweizer Landwirtschaft, die er «nie und nimmer opfern» wolle, unser Berufsbildungssystem und hatte so manches zum Schmunzeln anregende Müsterli parat. Jetzt folgte die feierliche Übergabe des Stadttheaters von Reto zu Reto – von Reto Müller (Stadtpräsident) zu Reto Lang (Theaterdirektor). Müller übergab Lang aber nicht einen symbolischen Schlüssel, sondern – gemäss dem Sprichwort «Brot und Salz, Gott erhalt’s» – diese beiden Grundnahrungsmittel. Im Einsatz als Brotbäckerin hatte Gabriela Krummen gestanden. Für ihre tolle Arbeit als Projektleiterin der Stadttheatersanierung erhielt sie viel Lob und einen Blumenstrauss. Lang schenkte Müller einen alten Schemel mit eingebautem Öfeli. Damit wärmte früher eine Frau beim Theaterbesuch ihre Füsse.

Grosse Besucherzahl
Riesig war das Interesse am 6-stündigen Tag der offenen Tür mit Blicken hinter die Kulissen inklusive der Garderoben für die Künstler. Melanie Lerch erklärte die Technik für den Orchestergraben. Architekt Bernhard Aebi führte alle zwei Stunden durchs Stadttheater. Er erläuterte die Belüftung der neuen Sitze und zeigte fasziniert auf die prächtigen Stuckaturen. Der Weg ins Theater 49 im Untergeschoss führte an zwei Büsten vorbei. «Hochmut» heisst die eine, «Demut» die andere.
Auf dem Rundgang war auch Bernhard Bracher aus Wyssachen. Der 69-jährige, der in Huttwil ein Notariat führte und inzwischen pensioniert ist, betreibt zurzeit Ahnenforschung. Er ist auf den Spuren von Richard Bracher, seinem Grossonkel. Dieser führte vor rund 100 Jahren mit Dagobert Keiser jenes Architekturbüro in Zug, das den Zuschlag für den Bau des Theaters in Langenthal erhielt. Das Fazit des Publikums pendelte von «einladend», über «grossartig» bis zu «grandios». Stellvertretend die 61-jährige Astrid Flükiger aus Langenthal: «Die Beleuchtung mit den Lampen erzeugt einen tollen Effekt. Eine Augenweide sind die Stuckaturen, bequem die Sitze. Auch optisch ist alles gelungen, wie ein Blick von der Bühne in Richtung Saal und Galerie zeigt. Ob sich der fehlende Mittelgang als Nachteil erweist? Da muss man abwarten.»

Von Hans Mathys


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