• Das New York der Sixties wurde auf der Stadttheaterbühne zu überschäumendem Leben erweckt. · Bild: zvg

30.11.2018
Langenthal

Wir tanzen und tanzen und hören nie auf

Seit der Uraufführung 1964 gehört «Hello, Dolly!» zu den international erfolgreichsten Musicals aller Zeiten. Es basiert auf der Komödie «The Matchmaker» von Thornton Wilder. Die Kammeroper Köln gastierte mit der «Deutschen Musical-Company» im Stadttheater und begeisterte das Langenthaler Publikum.

Ein perlweisser Roll‘s Royce zieht vor der Aufführung die Blicke vieler Theaterbesucher auf sich. Prominent platziert vor der Treppe strahlt der klassische Oldtimer wie der Broadwayklassiker «Hello Dolly» einen besonderen Charme aus, ausgestattet mit einem nostalgischen Romantikfaktor. New York in den Sixties: Swingende Melodien, mitreissende Tanznummern und eine vergnügliche Lektion in Sachen Partnervermittlung, dies noch ganz ohne Internetplattformen. Ein schlichtes Bühnenbild mit der Silhouette der Metropole beleuchtet das turbulente Geschehen und bietet dem spielfreudigen Ensemble der Kammeroper Köln viel Raum, um zu wirken.

Traumrolle für Stephanie Tschöppe
Die unterhaltsame Inszenierung von Holger Müller-Brandes vibriert geradezu von überschäumender Lebendigkeit, witzigen Dialogen und unkonventionellen Einfällen. In der Titelrolle als Mrs. Dolly Levi ist Stephanie Tschöppe eine absolute Traumbesetzung. Sie überzeugt mit Charisma, Esprit und nimmt die Bühne vollständig für sich ein – auch schauspielerisch. Ob im eleganten Pepita-Kostüm oder dem kleinen Schwarzen, betört sie alle rundherum, das Langenthaler Publikum inklusive. Die Powerfrau beherrscht auch die leisen Töne und sorgt mit dem Evergreen «Ich lass die Musik nicht vorbei» für Gänsehaut. Mit ihrer Soulstimme gestaltet die ausgebildete Opernsängerin den Titelsong «Hello Dolly!» zu einem Glanzpunkt des Abends. Die weltbekannte Melodie wurde auch von Barbra Streisand und Bette Midler interpretiert. 1964 wurde die Version von Louis Armstrong zum Chart-Erfolg, gewann den Grammy Award für den «Song des Jahres» und wurde später in die Grammy Hall of Fame aufgenommen. Insgesamt ein musikalisches Feuerwerk der Melodien Jerry Hermans, brillant interpretiert von den Kölner Symphonikern, unter der Leitung von Jan
Michael Horstmann.

Tänzerisch hochstehend
Den Tanzszenen zum Sound der 60er-Jahre kommt eine prägende Rolle zu. Die Tänzer präsentieren sich denn auch in Höchstform und wirbeln zu den ideenreichen Choreografien von Vanni Viscusi über die Bühne. Dies in extravaganten Kostümen wie die Kellner im atemberaubenden Outfit im «The Waiter’s Gallop».
Für einige humoristische Höhepunkte sorgen Tyler Steele und Kevin Dickmann als Ladenhelfer Barnaby und Cornelius. Sie reisen ohne Wissen ihres griesgrämigen Chefs Vandergelder alias Steffen Laube nach New York, verlieben sich hier Hals über Kopf in die Hutmacherinnen Irene und Minnie alias Marina Pechmann und Marie-Sophie Weidinger. Letztere spielt ihre Rolle herrlich überdreht. Neben der köstlichen Verkleidungsszene im Hutladen legt das clowneske Duo in einer anderen Szene eine kesse Sohle aufs Parkett. In der Hitze des New Yorker Nachtlebens finden weitere Paare ihr persönliches Happy End, so auch Vandergelders Nichte Ermengarde, wunderschön die Sopranstimme von Alishia Funken.

Turbulente Geschichte
Hinter der Oberfläche der Komik schimmert die Tiefgründigkeit der Figuren durch. Amerika zu Beginn der 60er Jahre mit Kubakrise, Rassenunruhen und der erwachenden Emanzipation. Da ist es auch für eine attraktive Witwe, mit Stil und Savoir vivre, aber ohne Vermögen, schwierig, einen «Mister Right» zu finden. Umso mehr die Ladys durch Models abgelöst und die wahren Gentlemen immer rarer werden.
Nichts desto trotz will Dolly Levi, ein Einwandererkind, den amerikanischen Traum verwirklichen. In der jüdischen Tradition spielt die Heiratsvermittlerin eine wichtige Rolle. So arrangiert die temperamentvolle Witwe «Dates» und bringt einige Heiratslustige erfolgreich unter die Haube. In den Zeiten von Social media und Internetplattformen gäbe die charismatische Powerfrau eine gefragte Networkerin.

Gegensätze ziehen sich an
Als der raubeinige, jedoch wohlhabende Futtermittelhändler Horace Vandergelder aus dem ländlichen Yonkers eine passable Gattin sucht, überzeugt Dolly sogar ihn davon, dass nur sie genau die Richtige für ihn ist. Mit List und Charme führt sie den mürrischen Vandergelder zunächst auf eine falsche Spur, bis er nach einigen Irrungen und Wirrungen in ihren Armen landet. Zwei sehr verschiedene Menschen, die auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben und trotzdem zueinander finden – Gegensätze ziehen sich bekanntlich an.

Von Brigitte Meier

AUF facebook kommentieren