• Gegen weitere Regulierungen, aber für Wachstum: WVO-Präsidentin Béatrice Lüthi und Gastreferent Roman Boutellier. · Bild: Walter Ryser

14.09.2018
Oberaargau

Wirtschaftswachstum ist nicht schädlich

Der Mittagsanlass des Wirtschaftsverbandes Oberaargau (WVO) befasste sich mit dem Thema Wirtschaftswachstum. Professor Dr. Roman Boutellier erläuterte mit anschaulichen Beispielen und auf humorvolle Art, weshalb wirtschaftliches Wachstum weder schädlich noch aufzuhalten ist.

Madiswil · Der Mittagsanlass «Chefsache» des Wirtschaftsverbandes Oberaargau (WVO) lockte nicht weniger als 70 Unternehmer in den Landgasthof Bären nach Madiswil. Diese wollten die Frage geklärt haben, ob unsere Wirtschaft tatsächlich immer weiter wachsen muss? Antworten auf diese Frage erteilte Roman Boutellier von der ETH Zürich. Zuvor wies WVO-Präsidentin Béatrice Lüthi auf die bevorstehenden Eidgenössischen Abstimmungen hin und betonte: «Wir beschweren uns ständig darüber, dass in unserem Land eine generelle Überregulierung herrscht, mit der eine steigende Zunahme administrativer Tätigkeiten einhergeht. Gleichzeitig stimmen wir über Vorlagen ab, die weitere Regulierungen vorsehen. Es ist höchste Zeit, endlich mehr Selbstverantwortung zu übernehmen», appellierte sie an die anwesenden Firmenchefs.
Aber wie war das nun mit dem Wachstum? Gemäss Roman Boutellier wächst die Schweiz in guten Zeiten zwei Prozent pro Kopf (BIP). Dank diesem Wachstum könne man Staatsschulden unter Kontrolle halten, die Infrastruktur ausbauen, eine bessere Ausbildung anbieten, die Sozialwerke bezahlen, und nicht zuletzt könne sich jeder mehr leisten. Für Boutellier ist klar, der eigentliche Treiber des Wirtschaftswachstums ist die fortschreitende Technologie, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts für einen massiven Produktivitätsfortschritt verantwortlich ist.

Lebensarbeitszeit massiv gestiegen
«Das Steinzeitalter ist nicht zu Ende gegangen, weil den Menschen keine Steine mehr zur Verfügung standen, sondern weil sie eine bessere Technologie entdeckt haben. Genauso wird es mit dem Erdölzeitalter sein, dieses wird nicht zu Ende gehen, weil uns kein Erdöl mehr zur Verfügung stehen wird, sondern weil sich eine bessere und einfachere Technologie durchsetzen wird», machte Boutellier ein bildhaftes Beispiel. Eine bessere Technologie und weniger Material seien zwei starke Wachstumstreiber. Als Beispiel nannte der ETH-Professor das Natel, und dabei wies er auf das Motorola-Handy aus dem Jahr 1984 hin, das damals 790 Gramm schwer war und fast 10 000 Franken kostete.
Dennoch sei unser wirtschaftliches Wachstum begrenzt, eine reife Volkswirtschaft steigere ihre Produktivität pro Jahr um etwa zwei Prozent, betonte Boutellier. Zum Wachstum beigetragen habe in den letzten 200 Jahren aber auch die stetig steigende Lebensarbeitszeit. Der Redner wies darauf hin, dass diese 50 000 Jahre vor Christus rund 15 000 Stunden betragen habe und heute auf 150 000 Stunden angestiegen sei. «Seit der Erfindung der Glühbirne müssen wir auch nach Einbruch der Dunkelheit arbeiten», gab er humorvoll zu verstehen.

800 000 zusätzliche Arbeitsplätze
Roman Boutellier räumte während seinen Ausführungen auch mit dem «Schreckgespenst» eines grossflächigen Arbeitsplatzverlustes durch die Digitalisierung auf. «Warum sollte die Digitalisierung gegen 50 Prozent unserer Arbeitsplätze vernichten», fragte er und lieferte umgehend die Antwort, indem er erwähnte, dass mehr Innovation stets zu mehr Arbeit führe. Zudem beschäftige sich der Schweizer Arbeitsmarkt seit 50 Jahren erfolgreich mit der Digitalisierung, fügte er hinzu und erwähnte, dass man die Materialkosten durch besseres Design und Miniaturisierungen gesenkt habe (Beispiel Natel), die administrativen sowie die Lohnkosten durch Standardisierungen und Automatisierungen, aber auch durch Outsourcing gesenkt habe. «Das hat uns nicht Arbeitsplätze gekostet, vielmehr wurden von 1998 bis 2018 in der Schweiz 800 000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen», hielt er fest.Und längst nicht alles werde sich in Zukunft digitalisieren und automatisieren lassen, sagt Boutellier.

Wachstum hat drei Quellen
Dabei verwies er auf den Gesundheitsbereich (Beispiel Pflege), die Erziehung oder die Ausbildung. «Wir wissen viel mehr als ein Computer. Versuchen sie nur einmal einen Computer so zu programmieren, dass er kapiert, wie man einen Mitarbeiter befördert. Das ist schlicht unmöglich», bemerkte er. Zusammenfassend könne man sagen, dass Wachstum drei Quellen habe: Rohmaterial, menschliche und technische Energie sowie Wissen. Letzteres ist gemäss Boutellier unerschöpflich. «Je mehr wir wissen, desto klarer wird uns, dass wir noch vieles nicht wissen. Deshalb dürfen und müssen wir auch in Zukunft wachsen», ist der ETH-Professor überzeugt. Das lasse sich nicht aufhalten. Die Forschung werde auch in Zukunft zu neuer Produktivität und zu neuen Dienstleistungen führen. «Wenn wir hier nicht mitmachen, wird es ein anderer tun», raubte er den anwesenden Firmenchefs die Illusion, dass man sich in Zukunft auf eine etwas gemächlichere und stabilere Wirtschaftslage einstellen kann.

Von Walter Ryser

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